Ungekürztes Werk "Die Elixiere des Teufels" von E. T. A. Hoffmann (Seite 103)
zurück. – Vielleicht war es nur eine Täuschung der durch den Traum aufgeregten Sinne? Ich ermannte mich, ich richtete mich auf, aber unbeweglich stand der Mönch und starrte mich an mit den hohlen schwarzen Augen. Da schrie ich in wahnsinniger Verzweiflung: »Entsetzlicher Mensch .... hebe dich weg! ... Nein! ... Kein Mensch, du bist der Widersacher selbst, der mich stürzen will in ewige Verderbnis! ... Hebe dich weg, Verruchter! Hebe dich weg!« – »Armer, kurzsichtiger Tor, ich bin nicht der, der dich ganz unauflöslich zu umstricken strebt mit ehernen Banden! – der dich abwendig machen will dem heiligen Werk, zu dem dich die ewige Macht berief! – Medardus! – armer, kurzsichtiger Tor! Schreckbar, grauenvoll bin ich dir erschienen, wenn du über dem offenen Grabe ewiger Verdammnis leichtsinnig gaukeltest. Ich warnte dich, aber du hast mich nicht verstanden! Auf! Nähere dich mir!«
Der Mönch sprach alles dieses im dumpfen Ton der tiefen, herzzerschneidendsten Klage; sein Blick, mir sonst so fürchterlich, war sanft und milde geworden, weicher die Form seines Gesichts. Eine unbeschreibliche Wehmut durchbebte mein Innerstes; wie ein Gesandter der ewigen Macht, mich aufzurichten, mich zu trösten im endlosen Elend, erschien mir der sonst so schreckliche Maler. – Ich stand auf vom Lager, ich trat ihm nahe, es war kein Phantom, ich berührte sein Kleid; ich kniete unwillkürlich nieder, er legte die Hand auf mein Haupt, wie mich segnend. Da gingen in lichten Farben herrliche Gebilde in mir auf. – Ach! Ich war in dem heiligen Walde! Ja, es war derselbe Platz, wo in früher Kindheit der fremdartig gekleidete Pilger mir den wunderbaren Knaben brachte. Ich wollte fortschreiten, wollte hinein in die Kirche, die ich dicht vor mir erblickte. Dort sollte ich – so war es mir – büßend und bereuend Ablaß erhalten von schwerer Sünde. Aber ich blieb regungslos – mein eigenes Ich konnte ich nicht erschauen, nicht erfassen. Da sprach eine dumpfe, hohle Stimme: »Der Gedanke ist die Tat!« – Die Träume verschwebten; es war der Maler, der jene Worte gesprochen. »Unbegreifliches Wesen, warst du es denn selbst? An jenem unglücklichen Morgen in der Kapuzinerkirche zu B.? In der Reichsstadt und nun?« – »Halt ein«, unterbrach mich der Maler, »ich war es, der überall dir nahe war, um dich zu retten von Verderben und Schmach, aber dein Sinn blieb verschlossen! Das Werk, zu dem du erkoren, mußt du vollbringen zu deinem eignen Heil.« – »Ach!« rief ich voll Verzweiflung. »Warum hieltst du nicht meinen Arm zurück, als ich in verruchtem Frevel jenen Jüngling ...« – »Das war mir nicht vergönnt«, fiel der Maler ein, »frage nicht weiter! Vermessen ist es, vorgreifen zu wollen dem, was die ewige Macht beschlossen! ... Medardus! Du gehst deinem Ziel entgegen ... morgen!« – Ich erbebte in eiskaltem Schauer, denn ich glaubte den Maler ganz zu verstehen. Er wußte und billigte den beschlossenen Selbstmord. Der Maler wankte mit leisem Tritt nach der Tür des Kerkers. »Wann, wann sehe ich dich wieder?« – »Am Ziele!« rief er, sich noch einmal nach mir umwendend, feierlich und stark,