Interpretation Der Prozeß

Die grotesk-komische Wirkung solcher Situationen lebt von der Differenz der Darstellung des Widersinnigen im Gegensatz zu einer vernünftig geordneten Welt. Und genau der Einbruch des mit Vernunft nicht Erklärbaren in die Lebensordnung von Josef K. ist der Gegenstand des Romans. Bis zu seiner Verhaftung ist sein Leben von einer vernünftig-bürgerlichen Einteilung geprägt. Der Alltag ist aufgeteilt zwischen regelmäßiger Arbeit, Spaziergängen, einem Stammtisch und dem wöchentlichen Besuch "zu einem Mädchen namens Elsa." In diese Ordnung hat die Verhaftung nun Unordnung gebracht. Die Wiederherstellung dieser alten Ordnung soll "jede Spur jener Vorfälle" auslöschen. Alle Versuche K.s führen jedoch zu noch größerer Unordnung und Verwirrung. Da er sich gedanklich mehr als notwendig mit seinem Prozess befasst, verliert er nach und nach seine Arbeitsfähigkeit; seine bürgerliche Position als höherer Bankangestellter ist gefährdet. So verkörpert – zunächst auf sozialer Ebene – das Gericht ein außerbürgerliches Prinzip. Seine Situierung in proletarischen Mietskasernen verweist darauf ebenso wie die sich ziemlich würdelos benehmenden Richter. Auch der Kontakt mit dem Maler Titorelli, den K. als Berater aufsucht, bringt ihn von seiner geordneten Lebenssphäre in ein verkommen-bohèmehaftes Milieu.

Auch wenn diese Tendenzen von der Hauptfigur durchweg als negativ empfunden werden, so darf eine auffällige und für die Interpretation wichtige Komponente nicht übersehen werden. Unmittelbar nach der Verhaftung ist Josef K. in der Lage, seine offenbar stark gehemmten erotischen Neigungen auszuleben. Der erste Versuch an seiner Nachbarin Fräulein Bürstner ist zunächst ungeschickt und wenig erfolgreich. In Fräulein Bürsters Zimmer hat die erste Begegnung mit den Wächtern stattgefunden. Sein darauf folgdender nächtlicher Besuch, den er unter dem Vorwand unternimmt, sich für die Unordnung der Wächter zu entschuldigen, mündet in einen überfallartigen Kuss "auf den Mund und dann über das ganze Gesicht, wie ein durstiges Tier mit der Zunge über das endlich gefundene Quellwasser hinjagt. Schließlich küßte er sie auf den Hals, wo die Gurgel ist, und dort ließ er die Lippen lange liegen." Dieses geradezu raubtierhafte Verhalten macht ihn zufrieden. Er "wunderte sich aber, daß er nicht noch zufriedener war."

Hier wird am Ende des ersten Kapitels ein Motiv angeschlagen, das sich mit auffallender Permanenz durch den ganzen Text zieht. Mit wachsender Verstrickung des Helden in die Sphäre des rätselhaften Gerichts geht dessen verstärkte Erotisierung einher. Josef K. findet bei der Begegnung mit der Frau des Gerichtsdieners "keinen haltbaren Grund dafür, warum er der Verlockung nicht nachgeben sollte", und stellt sich vor, dass "diese Frau am Fenster, dieser üppige, gelenkige, warme Körper [...] durchaus nur K. gehörte."