Ungekürztes Werk "Der Schuß von der Kanzel" von Conrad Ferdinand Meyer (Seite 112)
Glück konnt' ich sagen, daß ich alle meine Stücke zurückbrachte. Sie wollten die glänzenden Rinder in ihr verwünschtes Viereck bei Maienfeld treiben und begehrten sie mir abzukaufen zur Verproviantierung der Festung, wie sie sagten! Abkaufen! Schöner Handel das! Ihr Schlächter, ein ruppiger kleiner Kerl, dem solche Prachtstücke offenbar noch nie zu Gesicht gekommen, schätzte sie mir zu einem Schandpreis!« –
»Und diese Knirpse wollen behaupten, ihr Brot zu Hause sei besser als meine vortrefflichen Laibe«, sagte der Bäcker, ein Bürger von Thusis. »Als sie voriges Jahr hier im Quartier lagen, warf mir einer mein Roggenbrot vor die Füße, weil er nur an zarten weißen Weizen gewöhnt sei. Nicht genug. Ich mußte gleich darauf als Hausvater Ordnung schaffen und dem Affen unsre kleine braune Magd, die Oberhalbsteinerin, aus den Pfoten reißen. Die fand er nach seinem Geschmacke, obschon sie wahrlich schwärzer ist als mein Roggenbrot und nicht halb so appetitlich.« –
Hier ging ein seltsames Lächeln über das finstere Gesicht eines Gemsjägers, der dem Bäcker gegenüber, den Rücken an die Wand gestemmt, mit gekreuzten Armen hinter dem Tische saß und jetzt, ohne einen Zug zu verändern, unter seinem Schnurrbarte eine Reihe blendend weißer Zähne zeigte.
Der Bäcker gewahrte dies stille Hohnlächeln und sagte im Tone vorwurfsvoller Rüge: »Ans Leben aber griff ich ihm nicht um seines wüsten Gelüstens willen, wie du, Joder, dem armen Korporal Henriot, dessen Seele Gott genade. Das war eine unnötige Grausamkeit, denn deine schlanke Bride, der er zärtliche Blicke zuwarf, ist ein herbes und scheues Weib.«
Der Angeredete erwiderte mit der größten Ruhe: »Ich weiß nicht, wer das tolle Zeug über mich ausstreut, das du da vorbringst. Was jenen Vorfall betrifft, so hab ich ihn selbst damals ohne Arg und Aufschub dem Amte dargetan. Die Sache verhält sich einfach. Der Franzose machte sich täglich mit meinem Gewehr zu schaffen und lag mir an, ihn auf die Gemsjagd mitzunehmen, auf die er sich besser als ich zu verstehen behauptete. Ich nahm ihn mit und stieg mit ihm am Piz Beverin herum. Als wir über den Gletscher kamen, hatten sich die Spalten während des langen Regens etwas verändert. Ich sprang über ein paar breite hinweg, und als ich mich umsah, war der Franzose nicht mehr hinter mir. Er muß den Schwung zu kurz genommen haben. So war es und so hab ich es vor Gericht niedergelegt – das müßt Ihr mir bezeugen, Ammann Müller.«
»Das bezeug ich dir amtlich, schwarzer Joder«, bestätigte der Gelassene mit großer Gutmütigkeit, während auf den Gesichtern einzelner Gäste zweifelndes Nachsinnen oder einverstandene Schadenfreude deutlich zu lesen war.
»Nun, das ist abgetan«, sagte der Viehhändler kaltblütig, »und es geht keinen etwas an. Auch die Franzosen werden sich nicht mehr darum kümmern, denn in wenigen Wochen sind wir, Gott und dem guten Herzog sei's gedankt, die fremde Brut samt und sonders los. Das steht voran in den Thusnerartikeln, die kräftig werden, sobald der Name des Königs darunter steht, und diese Unterschrift, geht die Rede, bringt uns heute der Herzog.« –
»Wenn er sie bringt!« sagte langsam ein prächtiger Alter aus dem Lugnetz mit