Ungekürztes Werk "Der Schuß von der Kanzel" von Conrad Ferdinand Meyer (Seite 131)

sie maßloser Eifersucht auf seinen Günstling oder der Unverträglichkeit dieser zwei grundverschiedenen Temperamente zuschrieb.

Was behauptete Wertmüller nicht alles!

Das Scheitern des Vertrags von Chiavenna, welches Rohan von dem einzigen in das Geheimnis gezogenen Bündner verschwiegen wußte, war, wenn man den Lokotenenten hörte, schon längst allgemein bekannt, ja wie absichtlich bis in die fernsten Hütten verbreitet, eine Kunde, die man sich nicht verhohlen ins Ohr sagte, nein, von der die Täler dies- und jenseits der rhätischen Alpen widerhallten.

Aber das war das geringste – Schlimmeres drohte – Bünden unterhandelte mit Spanien, behauptete Wertmüller. Und nicht etwa einzelne Parteigänger und Unruhstifter zettelten, sondern das gesamte Volk war in Gärung und Verschwörung gegen Frankreich begriffen, und Jenatsch, der heillose Heuchler, hielt das ganze Spiel des Betrugs in der Hand.

Der Herzog pflegte gemeiniglich leichthin zu erwidern, derartiges habe sich noch nie ereignet, es sei schlechterdings undenkbar, daß ein ganzes Volk sich wie eine geheime Gesellschaft verschwöre, unmöglich, daß nicht mindestens einer ihn warnte unter seinen vielen redlichen Anhängern im Lande. Im schlimmsten Falle würde ihn sein Gastfreund, der ruhige, wohlunterrichtete und keiner Partei pflichtige Doktor Sprecher, gegen dessen ehrenwerte Gesinnung selbst der Lokotenent nichts werde einwenden können, vor solchen unerhörten verräterischen Anschlägen sicherstellen.

Der unbekehrbare Zürcher ließ das nicht gelten.

Was die Verschwörung eines ganzen Volkes betreffe, so wolle er gerne zugeben, sagte er, daß sie nirgends möglich wäre, als unter den Bündnern, die mit dem nordischen Phlegma die südliche Verschlagenheit in glücklicher Mischung vereinigten. Der erste beste dieses Volkes könne dem geriebensten Diplomaten zu raten geben. Die Staatskunst sei hier so allgemein verbreitet und landesüblich, daß das ganze Volk wie ein Mann rede oder schweige, wenn es sich um einen deutlichen Vorteil handle; die Schwierigkeit sei also nur, den langsamen Köpfen die Rechnung klarzumachen, und dafür werde der Volksredner Jenatsch ausgiebig gesorgt haben.

Was den gelahrten Herrn Doktor angehe, so wolle er ihm nicht zu nahe treten, aber für mutig halte er ihn nicht, wenigstens nicht einer gewissen geheimen Feme gegenüber, von der man munkle. Er könne hier seine Quellen nicht nennen; aber er müsse glauben, es sei im Lande ein Geheimbund errichtet mit Statuten, die sie den Kletten- oder Kettenbrief nennen – wahrscheinlich um das feste Ineinandergreifen und Zusammenhalten der Bundesglieder zu bezeichnen. Auf Verrat stehe der Tod. Er wolle nun nicht behaupten, daß der Doktor ein Glied dieser Kette sei, er sei nicht das Eisen dazu, aber daß er sich vor diesen Banditen sträflich fürchte, das sei mehr als wahrscheinlich.

Diese Verschwörung, deren Verräter dem Tode verfalle, behandelte der Herzog als eine vom Müßiggange erfundene und geglaubte Schauergeschichte. »Man hat Euch das aufgebunden, Wertmüller«, pflegte er zu scherzen, »um Euerm Argwohne gleich das stärkste Gewürz vorzusetzen! Und gesteht nur, Ihr verdient etwas für Eure böse Zunge.«

Am verdächtigsten war dem Lokotenenten die Keckheit, mit der Jenatsch den Herzog über dessen eigene Stellung am französischen Hofe mit schmeichelnden Worten zu täuschen versuchte. Darüber mußte sich Heinrich Rohan doch selber im klaren sein. Was konnte den Bündner dazu bewegen, fragte sich Wertmüller, wenn nicht die teuflische Absicht, den guten Herzog

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