Ungekürztes Werk "Der Schuß von der Kanzel" von Conrad Ferdinand Meyer (Seite 204)
Führer?«
»Tot. Wenn nicht der eine oder andere, wie der Navarrese, durch besondere Gunst des Königs verschont blieb.«
»Ist das Blutbad beendigt?«
»Nein, noch wütet es fort in den Straßen von Paris. Kein Hugenott darf am Leben bleiben.«
Jetzt zuckte mir der Gedanke an Gasparde wie ein glühender Blitz durchs Hirn, und alles andere verschwand im Dunkel.
»Laß mich!« schrie ich. »Mein Weib, mein armes Weib!«
Boccard sah mich erstaunt und fragend an. »Dein Weib? Bist du verheiratet?«
»Gib Raum, Unseliger!« rief ich und warf mich auf ihn, der mir den Ausweg vertrat. Wir rangen miteinander und ich hätte ihn übermannt, wenn nicht einer seiner Schweizer ihm zu Hilfe gekommen wäre, indes der andere die Türe bewachte.
Ich wurde auf das Knie gedrückt.
»Boccard!« stöhnte ich. »Im Namen des barmherzigen Gottes – bei allem, was dir teuer ist – bei dem Haupte deines Vaters – bei der Seligkeit deiner Mutter – erbarm' dich meiner und laß mich frei! Ich sage dir, Mensch, daß mein Weib da draußen ist – daß sie vielleicht in diesem Augenblick gemordet – daß sie vielleicht in diesem Augenblick mißhandelt wird! Oh, oh!« – und ich schlug mit geballter Faust gegen die Stirn.
Boccard erwiderte begütigend, wie man mit einem Kranken spricht: »Du bist von Sinnen, armer Freund! Du könntest nicht fünf Schritte ins Freie tun, bevor dich eine Kugel niederstreckte! Jedermann kennt dich als den Schreiber des Admirals. Nimm Vernunft an! Was du verlangst, ist unmöglich.«
Jetzt begann ich auf den Knien liegend zu schluchzen wie ein Kind.
Noch einmal, halb bewußtlos wie ein Ertrinkender, erhob ich das Auge nach Rettung, während Boccard schweigend die im Ringen zerrissene Seidenschnur wieder zusammenknüpfte, an der die Silbermünze mit dem Bildnis der Madonna tief niederhing.
»Im Namen der Muttergottes von Einsiedeln!« flehte ich mit gefalteten Händen.
Jetzt stand Boccard wie gebannt, die Augen nach oben gewendet und etwas murmelnd wie ein Gebet. Dann berührte er das Medaillon mit den Lippen und schob es sorgfältig wieder in sein Wams.
Noch schwiegen wir beide, da trat, eine Depesche emporhaltend, ein junger Fähnrich ein.
»Im Namen des Königs und auf Befehl des Hauptmanns«, sagte er, »nehmt zwei Eurer Leute, Herr Boccard, und überbringt eigenhändig diese Order dem Kommandanten der Bastille.« – Der Fähnrich trat ab.
Jetzt eilte Boccard, nach einem Augenblicke des Besinnens, das Schreiben in der Hand, auf mich zu:
»Tausche schnell die Kleider mit Cattani hier!« flüsterte er. »Ich will es wagen. Wo wohnt sie?«
»Isle St. Louis.«
»Gut. Labe dich noch mit einem Trunke, du hast Kraft nötig.« Nachdem ich eilig meiner Kleider mich entledigt, warf ich mich in die Tracht eines königlichen Schweizers, gürtete das Schwert um, ergriff die Hellebarde und Boccard, ich und der zweite Schweizer, wir stürzten ins Freie.
Neuntes Kapitel
Schon im Hofe des Louvre bot sich meinen Augen ein schrecklicher Anblick. Die Hugenotten vom Gefolge des Königs von Navarra lagen hier, frisch getötet, manche noch röchelnd, in Haufen übereinander. Längs der Seine weiter eilend begegneten wir auf jedem Schritte einem Greuel. Hier lag ein armer Alter mit gespaltenem Schädel in seinem Blute, dort sträubte sich ein totenblasses Weib in den Armen eines rohen Lanzenknechts.