Ungekürztes Werk "Der Schuß von der Kanzel" von Conrad Ferdinand Meyer (Seite 227)
eine Schwäbin heiraten‹, riet der Gepanzerte gutmütig. ›Sie sind frömmer und verläßlicher als unsere Weiber.‹
›Schweigst du wohl?‹ drohte ihm Ascanio mit dem Finger. ›Mache mir keine Langeweile mit semmelblonden Zöpfen!‹ Der Mönch aber drückte die Rechte Germanos, welche er noch nicht hatte fahren lassen.
›Aufrichtig, Germano‹, forschte er, ›was sagst du dazu?‹
›Wozu?‹ fragte dieser barsch.
›Nun, zu meinem neuen Stande?‹
›Astorre, mein Freund‹, antwortete der Schnurrbärtige etwas verlegen, ›ist es getan, frägt man nicht mehr herum nach Beirat und Urteil. Man behauptet sich, wo man steht. Willst du aber meine Meinung durchaus wissen, nun, schau, Astorre, verletzte Treue, gebrochenes Wort, Fahnenflucht und so weiter, dem gibt man in Germanien grobe Namen. Natürlich bei dir ist's etwas ganz anderes, das läßt sich gar nicht vergleichen – und dann der sterbende Vater – Astorre, mein lieber Freund, du hast ganz hübsch gehandelt, nur wäre das Gegenteil noch hübscher gewesen. Das ist meine Meinung‹, schloß er treuherzig.
›So hättest du mir, wärest du dagewesen, die Hand deiner Schwester verweigert, Germano?‹
Dieser fiel aus den Wolken. ›Die Hand meiner Schwester? der Diana? Derselben, die deinen Bruder betrauert?‹
›Derselben. Sie ist meine Verlobte.‹
›O herrlich!‹ rief jetzt der weltkluge Ascanio, und ›Erfreulich!‹ fiel Germano bei. ›Laß dich umarmen, Schwager!‹ Der Gepanzerte hatte trotz seiner Geradheit gute Lebensmanier. Aber er unterdrückte einen Seufzer. So herzlich er die herbe Schwester achtete, dem Mönche, wie dieser neben ihm saß, hätte er, nach seinem natürlichen Gefühle, ein anderes Weib gegeben.
So drehte er den Schnurrbart und Ascanio das Steuerruder des Gespräches. ›Eigentlich, Astorre‹, plauderte der Heitere, ›müssen wir damit anfangen, uns wieder kennenzulernen; nicht weniger als deine fünfzehn beschaulichen Klosterjahre liegen zwischen unserer Kindheit und heute. Nicht daß wir inzwischen unser Wesen geändert hätten, wer ändert es? Doch wir haben uns ausgewachsen. Dieser zum Beispiel‹ – er deutete gegen Germano – ›freut sich jetzt eines schönen Waffenruhmes; aber ich habe ihn zu verklagen, daß er ein halber Deutscher geworden ist. Er‹ – Ascanio krümmte den Arm, als leere er den Becher – ›und hernach wird er tiefsinnig oder händelsüchtig. Auch verachtet er unser süßes Italienisch. Ich werde deutsch mit euch reden! prahlte er und brummt die Bärenlaute einer unmenschlichen Sprache. Dann erbleicht sein Gesinde, seine Gläubiger fliehen und unsere Paduanerinnen kehren ihm die stattlichen Rücken zu. Dergestalt ist er vielleicht so jungfräulich geblieben als du, Astorre‹, und er legte dem Mönch traulich die Hand auf die Schulter.
Germano lachte herzlich und erwiderte auf Ascanio zeigend: ›Und dieser hier hat seine Bestimmung gefunden, indem er der perfekte Höfling wurde.‹
›Da irrst du dich, Germano‹, widersprach der Günstling Ezzelins. ›Meine Bestimmung war, das Leben leicht und heiter zu genießen.‹ Und zum Beweise dessen rief er freundlich gebietend das Kind des Gärtners herbei, das er in einiger Entfernung sich vorüberstehlen und sich nach seiner neuen Herrschaft, dem Mönche, schielen sah. Das hübsche Ding trug einen mit Trauben und Feigen überhäuften Korb auf dem lachenden Haupte und schaute eher schelmisch als schüchtern. Ascanio war aufgesprungen. Er legte die Linke um die schlanke Seite des Mädchens und holte sich mit der Rechten aus dem