Ungekürztes Werk "Also sprach Zarathustra" von Friedrich Nietzsche (Seite 123)

mich, wer liebt mich noch?

    Gebt heiße Hände!

    Gebt Herzens-Kohlenbecken!

Hingestreckt, schaudernd,

Halbtotem gleich, dem man die Füße wärmt –

Geschüttelt, ach! von unbekannten Fiebern,

Zitternd vor spitzen eisigen Frost-Pfeilen,

Von dir gejagt, Gedanke!

Unnennbarer! Verhüllter! Entsetzlicher!

Du Jäger hinter Wolken!

Darniedergeblitzt von dir,

Du höhnisch Auge, das mich aus Dunklem anblickt: – so liege ich,

Biege mich, winde mich, gequält

Von allen ewigen Martern,

Getroffen

Von dir, grausamster Jäger,

Du unbekannter – Gott!

Triff tiefer!

Triff einmal noch!

Zerstich, zerbrich dies Herz!

Was soll dies Martern

Mit zähnestumpfen Pfeilen?

Was blickst du wieder,

Der Menschen-Qual nicht müde,

Mit schadenfrohen Götter-Blitz-Augen?

Nicht töten willst du,

Nur martern, martern?

Wozu – mich martern,

Du schadenfroher unbekannter Gott? –

Haha? Du schleichst heran?

Bei solcher Mitternacht

Was willst du? Sprich!

Du drängst mich, drückst mich –

Ha! schon viel zu nahe!

Weg! Weg!

Du hörst mich atmen,

Du behorchst mein Herz,

Du Eifersüchtiger –

Worauf doch eifersüchtig?

Weg! Weg! Wozu die Leiter?

Willst du hinein,

Ins Herz,

Einsteigen, in meine heimlichsten

Gedanken einsteigen?

Schamloser! Unbekannter – Dieb!

Was willst du dir erstehlen?

Was willst du dir erhorchen?

Was willst du dir erfoltern,

Du Folterer!

Du – Henker-Gott!

Oder soll ich, dem Hunde gleich,

Vor dir mich wälzen?

Hingebend, begeistert-außer-mir,

Dir – Liebe zuwedeln?

Umsonst! Stich weiter,

Grausamster Stachel! Nein,

Kein Hund – dein Wild nur bin ich,

Grausamster Jäger!

Dein stolzester Gefangner,

Du Räuber hinter Wolken!

Sprich endlich!

Was willst du, Wegelagerer, von mir?

Du Blitz-Verhüllter! Unbekannter! Sprich,

Was willst du, unbekannter – Gott? – –

Wie? Lösegeld?

Was willst du Lösegelds?

Verlange viel – das rät mein Stolz!

Und rede kurz – das rät mein andrer Stolz!

Haha!

Mich – willst du? Mich?

Mich – ganz? …

Haha!

Und marterst mich, Narr, der du bist,

Zermarterst meinen Stolz?

Gib Liebe mir – wer wärmt mich noch?

Wer liebt mich noch? – gib heiße Hände,

Gib Herzens-Kohlenbecken,

Gib mir, dem Einsamsten,

Den Eis, ach! siebenfaches Eis

Nach Feinden selber,

Nach Feinden schmachten lehrt,

Gib, ja ergib,

Grausamster Feind,

Mir – dich – –

Davon!

Da floh er selber,

Mein letzter einziger Genoß,

Mein großer Feind,

Mein Unbekannter,

Mein Henker-Gott! –

– Nein! Komm zurück,

Mit allen deinen Martern!

Zum Letzten aller Einsamen

O komm zurück!

All meine Tränen-Bäche laufen

Zu dir den Lauf!

Und meine letzte Herzens-Flamme –

Dir glüht sie auf!

O komm zurück,

Mein unbekannter Gott! Mein Schmerz! Mein letztes – Glück!

2

– Hier aber konnte sich Zarathustra nicht länger halten, nahm seinen Stock und schlug mit allen Kräften auf den Jammernden los. »Halt ein!« schrie er ihm zu, mit ingrimmigem Lachen, »halt ein, du Schauspieler! Du Falschmünzer! Du Lügner aus dem Grunde! Ich erkenne dich wohl!

Ich will dir schon warme Beine machen, du schlimmer Zauberer, ich verstehe mich gut darauf, solchen wie du bist – einzuheizen!«

– »Laß ab«, sagte der alte Mann und sprang vom Boden auf, »schlage nicht mehr, o Zarathustra! Ich trieb's also nur zum Spiele!

Solcherlei gehört zu meiner Kunst; dich selber wollte ich auf die Probe stellen, als ich dir diese Probe gab! Und, wahrlich, du hast mich gut durchschaut!

Aber auch du – gabst mir von dir keine kleine Probe: du bist hart, du weiser Zarathustra! Hart schlägst du zu mit deinen ›Wahrheiten‹, dein Knüttel erzwingt von mir – diese Wahrheit!«

– »Schmeichle nicht«, antwortete Zarathustra, immer noch erregt und finsterblickend, »du Schauspieler aus dem Grunde! Du bist falsch: – was redest du – von Wahrheit!

Du Pfau der Pfauen, du Meer der Eitelkeit, was spieltest du vor mir, du schlimmer Zauberer, an wen sollte ich glauben, als du in solcher Gestalt jammertest?«

»Den Büßer des

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