Ungekürztes Werk "Also sprach Zarathustra" von Friedrich Nietzsche (Seite 71)
davon! Der Tau fällt auf das Gras, wenn die Nacht am verschwiegensten ist.« –
Und ich antwortete: »Sie verspotteten mich, als ich meinen eigenen Weg fand und ging; und in Wahrheit zitterten damals meine Füße.
Und so sprachen sie zu mir: du verlerntest den Weg, nun verlernst du auch das Gehen!«
Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Was liegt an ihrem Spotte! Du bist einer, der das Gehorchen verlernt hat: nun sollst du befehlen!
Weißt du nicht, wer allen am nötigsten tut? Der Großes befiehlt.
Großes vollführen ist schwer: aber das Schwerere ist, Großes befehlen.
Das ist dein Unverzeihlichstes: du hast die Macht, und du willst nicht herrschen.« –
Und ich antwortete: »Mir fehlt des Löwen Stimme zum Befehlen.«
Da sprach es wieder wie ein Flüstern zu mir: »Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt.
O Zarathustra, du sollst gehen als ein Schatten dessen, was kommen muß: so wirst du befehlen und befehlend vorangehen.« –
Und ich antwortete: »Ich schäme mich.«
Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Du mußt noch Kind werden und ohne Scham.
Der Stolz der Jugend ist noch auf dir, spät bist du jung geworden: aber wer zum Kinde werden will, muß auch noch seine Jugend überwinden.« –
Und ich besann mich lange und zitterte. Endlich aber sagte ich, was ich zuerst sagte: »Ich will nicht.«
Da geschah ein Lachen um mich. Wehe, wie dies Lachen mir die Eingeweide zerriß und das Herz aufschlitzte!
Und es sprach zum letzten Male zu mir: »O Zarathustra, deine Früchte sind reif, aber du bist nicht reif für deine Früchte!
So mußt du wieder in die Einsamkeit: denn du sollst noch mürbe werden.« –
Und wieder lachte es und floh: dann wurde es stille um mich wie mit einer zwiefachen Stille. Ich aber lag am Boden, und der Schweiß floß mir von den Gliedern.
– Nun hörtet ihr alles, und warum ich in meine Einsamkeit zurück muß. Nichts verschwieg ich euch, meine Freunde.
Aber auch dies hörtet ihr von mir, wer immer noch aller Menschen Verschwiegenster ist – und es sein will!
Ach, meine Freunde! Ich hätte euch noch etwas zu sagen, ich hätte euch noch etwas zu geben! Warum gebe ich es nicht? Bin ich denn geizig?« –
Als Zarathustra aber diese Worte gesprochen hatte, überfiel ihn die Gewalt des Schmerzes und die Nähe des Abschieds von seinen Freunden, also daß er laut weinte; und niemand wußte ihn zu trösten. Des Nachts aber ging er allein fort und verließ seine Freunde.
Dritter Teil
Der Wanderer
Vom Gesicht und Rätsel
Von der Seligkeit wider Willen
Vor Sonnen-Aufgang
Von der verkleinernden Tugend
Auf dem Ölberge
Vom Vorübergehen
Von den Abtrünnigen
Die Heimkehr
Von den drei Bösen
Vom Geist der Schwere
Von alten und neuen Tafeln
Erster bis dreißigster Abschnitt
Der Genesende
Von der großen Sehnsucht
Das andere Tanzlied
Die sieben Siegel (Oder: das Ja-und-Amen-Lied)
Erster bis siebenter Abschnitt
DRITTER TEIL
»Ihr seht nach oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe hinab, weil ich erhoben bin.
Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein?
Wer auf den höchsten Bergen steigt, der lacht über alle Trauer-Spiele und Trauer-Ernste.«
(Zarathustra, Erster Teil, Vom Lesen und Schreiben)
Der Wanderer
Um Mitternacht war es,