Ungekürztes Werk "Also sprach Zarathustra" von Friedrich Nietzsche (Seite 97)
»Es war« umzuschaffen, bis der Wille spricht: »Aber so wollte ich es! So werde ich's wollen –«
– Dies hieß ich ihnen Erlösung. Dies allein lehrte ich sie Erlösung heißen. – –
Nun warte ich meiner Erlösung – daß ich zum letzten Male zu ihnen gehe.
Denn noch ein Mal will ich zu den Menschen: unter ihnen will ich untergehen, sterbend will ich ihnen meine reichste Gabe geben!
Der Sonne lernte ich das ab, wenn sie hinabgeht, die Überreiche: Gold schüttet sie da ins Meer aus unerschöpflichem Reichtume –
– also, daß der ärmste Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! Dies nämlich sah ich einst und wurde der Tränen nicht satt im Zuschauen. – –
Der Sonne gleich will auch Zarathustra untergehn: nun sitzt er hier und wartet, alte zerbrochne Tafeln um sich und auch neue Tafeln – halbbeschriebene.
4
Siehe, hier ist eine neue Tafel: aber wo sind meine Brüder, die sie mit mir zu Tale und in fleischerne Herzen tragen? –
Also heischt es meine große Liebe zu den Fernsten: schone deinen Nächsten nicht! Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muß.
Es gibt vielerlei Weg und Weise der Überwindung: da siehe du zu! Aber nur ein Possenreißer denkt: »Der Mensch kann auch übersprungen werden.«
Überwinde dich selber noch in deinem Nächsten: und ein Recht, das du dir rauben kannst, sollst du dir nicht geben lassen!
Was du tust, das kann dir keiner wieder tun. Siehe, es gibt keine Vergeltung.
Wer sich nicht befehlen kann, der soll gehorchen. Und mancher kann sich befehlen, aber da fehlt noch viel, daß er sich auch gehorche!
5
Also will es die Art edler Seelen: sie wollen nichts umsonst haben, am wenigsten das Leben.
Wer vom Pöbel ist, der will umsonst leben; wir anderen aber, denen das Leben sich gab – wir sinnen immer darüber, was wir am besten dagegen geben!
Und wahrlich, dies ist eine vornehme Rede, welche spricht: »Was uns das Leben verspricht, das wollen wir – dem Leben halten!«
Man soll nicht genießen wollen, wo man nicht zu genießen gibt. Und – man soll nicht genießen wollen!
Genuß und Unschuld nämlich sind die schamhaftesten Dinge: beide wollen nicht gesucht sein. Man soll sie haben – aber man soll eher noch nach Schuld und Schmerzen suchen! –
6
O meine Brüder, wer ein Erstling ist, der wird immer geopfert. Nun aber sind wir Erstlinge.
Wir bluten alle an geheimen Opfertischen, wir brennen und braten alle zu Ehren alter Götzenbilder.
Unser Bestes ist noch jung: das reizt alte Gaumen. Unser Fleisch ist zart, unser Fell ist nur ein Lamm-Fell: – wie sollten wir nicht alte Götzenpriester reizen!
In uns selber wohnt er noch, der alte Götzenpriester, der unser Bestes sich zum Schmause brät. Ach, meine Brüder, wie sollten Erstlinge nicht Opfer sein!
Aber so will es unsre Art; und ich liebe die, welche sich nicht bewahren wollen. Die Untergehenden liebe ich mit meiner ganzen Liebe: denn sie gehn hinüber. –
7
Wahr sein – das können wenige. Und wer es kann, der will es noch nicht! Am wenigsten aber können es die Guten.
O diese Guten! Gute Menschen reden nie die Wahrheit; für den Geist