Kurt Tucholsky / Biographie

1907 hatte die Satirezeitschrift „Ulk“ den ersten Text von Tucholsky gedruckt (Märchen), in den folgenden Jahren waren einige kleinere Artikel und Gedichte entstanden. Doch Tucholskys eigentliche Karriere begann, als er ab 1911 regelmäßig Artikel für den sozialdemokratischen „Vorwärts“ schrieb. Für die SPD engagierte er sich auch im Wahlkampf. Mit der Sommergeschichte Rheinsberg (1912) gelang Tucholsky schließlich ein erster Erfolg als Schriftsteller. Mit seinem leichten Ton und dem wohlwollenden Spott traf das Buch den Ton der Zeit und hatte vor allem Resonanz beim modernen Publikum. Als verkaufsfördernde Maßnahme richteten Tucholsky und sein Freund Kurt Szafranski, der Rheinsberg illustriert hatte, für einige Wochen eine „Bücherbar“ auf dem Kurfürstendamm ein, in der es für jedes gekaufte Buch einen Schnaps gratis gab. Schon dieser für Tucholsky typische „Studikerunfug“, der zu einer Anekdote der Literaturgeschichte wurde, polarisierte die Öffentlichkeit.

Im Januar 1913 lernte Tucholsky den Herausgeber der „Schaubühne“, Siegfried Jacobsohn, kennen, der zu seinem wichtigsten Mentor und Lehrmeister im journalistischen Handwerk werden sollte. Zunächst verstand sich die „Schaubühne“, Ende 1918 in „Weltbühne“ umbenannt, in erster Linie als Theaterzeitschrift, und Tucholsky schrieb vor allem Rezensionen von Büchern, Theater- und Kabarettaufführungen. Da er bald zum wichtigsten Mitarbeiter wurde und für jede Ausgabe mehrere Beiträge verfasste, benutzte er Pseudonyme – zunächst die Namen Theobald Tiger, Peter Panter und Ignaz Wrobel, Kaspar Hauser wurde 1918 erfunden. Jedes der Pseudonyme hatte einen charakteristischen Ton und ein „Spezialgebiet“. Das Spiel mit wechselnden Identitäten entsprach wohl ebenfalls einem tiefsitzenden Bedürfnis Tucholskys, der auch in seinen privaten Beziehungen gerne verschiedene Namen und Rollen annahm.

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges engagierte sich Tucholsky gegen die zunehmend nationalistische Hysterie und den Chauvinismus, mit dem der Erste Weltkrieg geistig vorbereitet wurde. Auch von ihm geschätzte Literaten und Künstler stimmten in das Kriegspathos mit ein und beschworen Vaterland und Heldentod. Ihnen bescheinigte er den „Seelenzustand durchgegangener Pferde“.

Tucholsky selbst wurde 1915 eingezogen. Er tat in Kurland Dienst als Armierungssoldat, später als Kompanieschreiber. Ab Herbst 1916 wurde ihm die Redaktion der Feldzeitung „Der Flieger“ anvertraut. Von rechten Kritikern wurde Tucholsky später vorgehalten, er habe sich im Krieg gedrückt und bei Vorgesetzten eingeschmeichelt. Dieser Vorwurf des Opportunismus sollte sich noch häufig wiederholen. Tatsächlich war seine Haltung im Krieg nicht so „lupenrein“, wie seine später so hasserfüllten Artikel gegen das Militär vermuten lassen könnten: Einerseits lehnte er den Krieg ab, andererseits suchte er seinen Vorteil, passte sich an und spielte sogar mit dem Gedanken an eine militärische Laufbahn. Seine Attacken gegen Offizierswillkür und korruptes Kastendenken beruhen vielleicht zu einem Teil auf der Erfahrung der eigenen Verführbarkeit, so Tucholskys Biograf Michael Hepp.