Literaturepoche Biedermeier

Eine mindestens ebenso zentrale Rolle spielt die Natur auch bei Adalbert Stifter, allerdings mit völlig anderer Funktion. Denn wenn bei einem Autor tatsächlich und ganz wertfrei von Biedermeier im Sinne von 'Rückzug ins Private, Abgewandheit von der (sozial geprägten) Welt' gesprochen werden kann, dann ist dies bei ihm der Fall. Stifter, dem das »Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers« mehr galten als der »Blitz, welcher Häuser spaltet« und der »Sturm, der die Brandung treibt« hat die in seiner Prosa allgegenwärtige Natur zum Zeugen und Mitbeteiligten am menschlichen Schicksal gemacht. Im Grunde thematisieren alle seine Werke (darunter Der Hochwald, 1842, Brigitta, 1843, Der Waldsteig, 1845, Bunte Steine, 1854, Nachsommer, 1857, Die Mappe meines Urgroßvaters, vier Fassungen von 1841 bis 1867) die Entsagung und die Zuwendung zum Kleinen, Alltäglichen als Kern wahrer Humanität, die sich dem »sanften Gesetz« der sittlichen Ordnung unterwirft.

Und noch bei einem weiteren Autor, der allerdings eher aus Mangel an Gegenbeweisen dem Biedermeier zugeordnet wird, steht die Natur im Vordergrund seines vorwiegend lyrischen Schaffens: Nikolaus Lenau (eigentlich Nikolaus Franz Niembsch, Edler von Strehlenau). In seiner von Melancholie geprägten, äußerst melodiösen Lyrik spiegelt die Landschaft – oft die Steppen seiner ungarischen Heimat – die düsteren Stimmungen der Seele. Zerrissenheit ist auch formal und thematisch das Kennzeichen seiner Verserzählungen und -dramen (Faust, 1836/40, Savonarola, 1837, Die Albigenser, 1840 und Don Juan, ein Fragment aus dem Nachlaß).

Als bedeutender Lyriker dieser Zeit muß auch Friedrich Rückert genannt werden. Die große Anzahl seiner Gedichte, deren ästhetischer Rang fast zwangsläufig sehr unterschiedlich ausfällt, hat zu einer pauschalen Unterschätzung seines Werks geführt. Möge ihm – durchaus nicht unberechtigt – virtuose Oberflächlichkeit in vielen seiner Texte vorgeworfen werden, so weist sein Œuvre doch Aspekte auf, die Rückert große Aktualität verleihen. Nicht nur die Kindertotenlieder (1872, aus dem Nachlaß), die Gustav Mahler zur genialen Vertonung bewegten, sind ein Beispiel hierfür; auch seine Hinwendung zum Gegenständlichen und zu manchmal skurrilen Motiven enthält Parallelen zur Lyrik des 20. Jahrhunderts (z. B. Günter Eich). Darüber hinaus ist Rückert der bedeutendste deutschsprachige Übersetzer und Nachdichter orientalischer Poesie: er übertrug Texte u. a. aus dem Arabischen, Hebräischen, Persischen und Sanskrit und verwendete zahlreiche fremde Strophenformen (Ghaselen, Makamen etc.) zum ersten Mal in der deutschen Lyrik.