Literaturepoche Von der Jahrhundertwende bis 1933

Musil läßt sich nur bedingt der Kategorie der sozialkritisch motivierten Autoren zuordnen. In der Zeit zwischen den Kriegen trat eine Reihe z. T. sehr bedeutender Schriftsteller an die Öffentlichkeit, deren Werke, wie dasjenige Musils, über die sozio-politischen Gegebenheiten hinaus einen allgemeineren ideen- und zivilisationsgeschichtlichen, existentiellen Horizont aufweisen. Zu diesen weitgehend unabhängigen Einzelpersönlichkeiten gehört zweifelsohne Hermann Broch (1886–1951), der mit seiner Romantrilogie Die Schlafwandler (1931–32 mit den Teilen Pasenow oder Die Romantik 1888, Esch oder Die Anarchie 1903 und Huguenau oder die Sachlichkeit 1918) wie Musil, wenn auch mit völlig anderen literarischen Mitteln, den Zerfall der Werte als kulturhistorisches Phänomen beschrieben hat. Zusammen mit Der Tod des Vergil und Die Schuldlosen, die erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges erschienen, hinterließ er ein erst spät in seiner Bedeutung erkanntes Werk von eminentem Rang.

Dieses Schicksal mußte das Œuvre Thomas Manns (1875–1955) nicht teilen. Wie ein Koloß steht die Figur des einzigen nach Goethe als ‘Dichterfürst’ zu bezeichnenden Autors epochenübergreifend im literaturgeschichtlichen Kontext unseres Jahrhunderts. Bereits der 1901 erschienene Roman Die Buddenbrooks sicherte ihm die Position eines der führenden deutschsprachigen Literaten; aus seinem umfangreichen Werk ragen in der Zeit vor 1933 die Novellen Der Tod in Venedig (1913) und Tonio Kröger (1914) sowie – vielleicht sein großartigster Wurf – der Roman Der Zauberberg (1924) hervor. Lag der Schwerpunkt bei den Novellen im Konflikt zwischen der als banal erlebten, aber letztlich ‘gesunden’ Bürgerlichkeit und dem intellektuellen, dadurch aber ‘kränklichen’ Künstlertum, so erweiterte sich der Blickwinkel im Zauberberg auf kulturphilosophische Betrachtungen über die Entwicklung der abendländischen Zivilisation, die sich später im Doktor Faustus (1947) nochmals zu einem ästhetisch-theoretischen Meisterwerk verdichteten.

Auch bei Hermann Hesse (1877–1962) spannt sich das Werk von seinem ersten Erfolg Peter Camenzind (1904) bis zum letzten Roman Das Glasperlenspiel (1943) über mehrere Jahrzehnte und läßt sich nicht in die gängigen Periodisierungen einordnen. Hesses Blick ist primär nach innen gewandt, wiewohl er von jeglichem Ekklektizismus weit entfernt ist. Denn die Suche des Individuums nach seiner inneren Bestimmung, die sich in Demian (1919) zum ersten Mal in vollem Maße artikuliert, läßt sich vom zwischenmenschlichen Bezugssystem nicht ablösen. Der Grundkonflikt zwischen Sensualität und Spiritualität, der in verschiedenen Variationen seine Romane durchzieht (u.a. Siddharta, 1922; Der Steppenwolf, 1927; Narziß und Goldmund, 1930) erwächst aus der Doppelnatur des Menschen als soziales und biologisches Wesen, die ihn sowohl zu moralisch-ethischem Handeln befähigt als auch seine triebhaft-irrationalen Bedürfnisse legitimiert.