Die Liebestrank-Episode in Gottfried von Straßburgs TRISTAN

Vorbemerkung:

Der um 1210 entstandene, zwei Bücher mit insgesamt 20.000 Versen umfassende Roman Tristan ist das Hauptwerk des mittelalterlichen Dichters Gottfried von Straßburg und die wichtigste Bearbeitung des Tristan und Isolde-Stoffe jener Zeit, die auch die meisten späteren Bearbeitungen grundlegend beeinflusst hat.

 

Inhalt:

Erzählt wird die Geschichte des tugendhaften Ritters Tristan, der den Auftrag erhält, die irische Königstochter Isot (Isolde) zu ihrem zukünftigen Ehemann Marke, dem König von Cornwall, zu begleiten. Auf See trinken die beiden versehentlich von einem Liebestrank, der eigentlich für Isolde und Marke bestimmt war und der dazu führt, dass sich Tristan und Isolde augenblicklich ineinander verlieben. Um diese Liebe leben zu können, müssen die beiden sich immer wieder über gesellschaftliche Regeln hinwegsetzen, was in ihrem Umfeld Ablehnung und Misstrauen hervorruft.
Nach zahlreichen Abenteuern und Verwicklungen erliegt das Liebespaar schließlich einer Täuschung; der verletzte Tristan stirbt, weil er glaubt, Isolde habe ihn verlassen, und die zu spät eintreffende Isolde stirbt aus Kummer über Tristans Tod.

 

Im Folgenden werden Bedeutung und Funktion des Liebestrankes als eines der zentralen Elemente des Versromans und entlang des Textverlaufs dargestellt.

Zitiert wird im mittelhochdeutschen Original und nach der Ausgabe

Gottfried von Straßburg: Tristan. Nach dem Text von Friedrich Ranke neu herausgegeben ins Neuhochdeutsche übersetzt, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Rüdiger Krohn. Drei Bände, Stuttgart 1981 (=RUB 4471 (6), 4472 [6] und 4473 [4]).

 

I. Begegnungen zwischen Tristan und Îsôt

Tristans erster Aufenthalt in Develin

Tristan, in der Not seiner unheilbaren Wunde, erinnert sich nicht nur der Worte Morolds, der ihm von den heilkundigen Fähigkeiten seiner Schwester Îsôt erzählt hatte (V. 6944-6952; vgl. II), sondern auch an das, was von der schönen und klugen Königin allenthalben berichtet wird. Er begreift, dass nur die Königin von Irland sein Leben retten kann und macht sich auf den abenteuerlichen Weg dorthin (z’Irlanden; V. 7328). Tatsächlich gelingt es ihm, von der Königin selbst gepflegt zu werden; eine Begegnung mit deren Tochter, der erwünscheten maget (V. 7717), ist nur noch eine Frage der Zeit. Als man nach ihr schickt, erscheint daz wâre insigel der minne,/mit dem sîn herze sider wart/versigelt unde vor verspart/aller der werlt gemeiner/niuwan ir al einer, (V. 7812-7816)

Als Tristan nach erfolgreicher Rekonvaleszenz (während der er Îsôt in Buchwissen [!], Saitenspiel und moraliteit unterrichtet hat) wieder an Markes Hof zurückkehrt, entlädt sich seine Begeisterung für das Mädchen Îsôt in einer über 46 Verse reichende Lobeshymne (V. 8255-8300); als der wol gemuote Tristan seine Rede beendet hat, spürt er: im was ein ander leben gegeben:/er was ein niuborner man. (V. 8312-13). Genau so erging es übrigens auch seinem (vergessenen) Vater Riwalîn, als er sich in Blancheflur verliebt hatte: wan er greif in ein ander leben;/ein niuwe leben wart ime gegeben (V. 937-938; vgl. auch V).

Tristans zweiter Aufenthalt in Develin

Die zweite Begegnung zwischen Tristan und dem Mädchen Îsôt bedeutet für Tristan doppelte Entdeckung - zuerst erkennt Îsôt ihren Lehrer Tantris (V. 9471-9473), den sie auch heimlich ansieht (V. 9995f.), dann den Mörder ihres Onkels; dies aber eher intuitiv, wie es die Erzählerinstanz suggeriert: Nu ergieng ez aber Îsolde,/alsô der billîch wolde:/daz si aber ir herzequâle/zem anderen mâle/vor den andern allen vant. (V. 10057-10061).
Als Îsôt den aufbewahrten Splitter aus Morolds Schädel als das fehlende Stück aus Tristans Schwert identifiziert, begunde ir herze kalten/umbe ir schaden den alten. (V. 10087f.) Wut und Hass bemächtigen sich ihrer so sehr, dass sie Tristan erschlagen will; ihre Mutter kann im letzten Moment die unhöfische Tat verhindern, die das Mädchen für alle Zeit ehrlos gemacht hätte, denn Frauen sind im mittelalterlichen Rechtskontext von der Ausübung der Blutrache ausgenommen (vgl. Kriemhild!)

Tristan und Îsôt auf dem Schiff

Als Tristan das Mädchen schließlich mit sich nimmt, um sie Marke als Braut zuzuführen, sind Îsôts Gefühle für Tristan alles andere als liebevoll, denn si waz im dannoch gehaz (V. 11402). Für Tristan ist aber Îsôt, so berichtet es der Erzähler, sîn unverwânde amîe,/sîn unverwantiu herzenôt (V. 11488-11489); entsprechend bemüht sich Tristan von Beginn der Reise an und unabhängig von Îsôts Wut und Hass gegen ihn (vgl. V. 11575; 11579-81; 11624-26), um Trost für die trauernde und traurige Braut: der gie wîlent dar în/und trôste die künigîn,/dâ si weinende saz. (V. 11545-11547). sô trôste sî Tristan ie,/sô er suozeste kunde./ze iegelîcher stunde,/alse er zuo z'ir triure kam,/zwischen sîn arme er si nam/vil suoze unde lîse/und niuwan in der wîse,/als ein man sîne vrouwen sol. (V. 11554-11561).

 

II. Der Minnetrank

Die Herkunft des Minnetranks

Der Minnetrank wird von der klugen und weisen Königin Îsôt zubereitet, die bereits zuvor von ihrem Bruder Morold als außergewöhnliche Heilerin gepriesen wird, nachdem dieser Tristan mit seinem vergifteten Schwert verwundet hat: arzât noch arzâte list/ernert dich niemer dirre nôt,/ez entuo mîn swester eine, Îsôt,/diu künegîn von Îrlande./diu erkennet maneger hande/wurze und aller crûte craft/und arzâtlîche meisterschaft./diu kan eine disen list/und anders nieman, der der ist. (V. 6944-6952)

Doch Îsôt versteht sich nicht nur auf Heil- und Kräuterkunde, sondern auch auf Magie und Traumdeutung, die sie durchaus auch zu ihrem Vorteil einzusetzen weiß: und alse ez nahten began,/diu wîse vrâgete unde sprach/umbe ir tohter ungemach/ir tougenlîche liste,/von den si wunder wiste,/daz s'in ir troume gesach,/daz ez niht alsô geschach,/als der lantschal sagete. (V. 9298-9305)

Die Eigenschaften des Minnetranks

Der Minnetrank soll die Liebe zwischen Îsôt und Marke unterstützen und festigen, um der Ehefrau Îsôt nicht nur langfristig die alleinige Aufmerksamkeit ihres Mannes zu sichern, sondern auch, um durch eine stabile Ehe zwischen den beiden den soeben geschlossenen Frieden zwischen Irland und Cornwall zu besiegeln und auf Dauer zu erhalten. Um dies zu erreichen, stellt Îsôt einen tranc von minnen her; mit sweme sîn ieman getranc,/den muose er âne sînen danc /vor allen dingen meinen/und er dâ wider in einen./in was ein tôt unde ein leben,/ein triure, ein vröude samet gegeben. (V. 11439-11444)

Trotzdem soll die Ehe zunächst ohne die Hilfe der geheimen Künste vollzogen werden, denn Mutter Îsôt schärft Brangäne, die auch um die Art des Tranks weiß (der tranc der ist von minnen; V. 11467), ein: swenne Îsôt unde Marke/in ein der minne komen sîn,/sô schenke in disen tranc vür wîn/und lâ si'n trinken ûz in ein. (V. 11460-11463)

Îsôt und Marke sollen also mithilfe dieses Tranks und nach dem Vollzug ihrer Ehe (?) durch eine ausschließliche, vom freien Willen unabhängige und lebenslang andauernde Liebe zueinander verbunden sein.

 

III. Die verhängnisvolle Verwechslung

Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, als Îsôt und ir gesinde seekrank werden und Tristan deshalb die Reise unterbrechen lässt (V. 11649ff.). Als er sich zu der im Schiff verbliebenen Îsôt gesellt, wird er durstig; eine junge Hofdame reicht ihm ein gefülltes Glas, das Tristan zuerst an Îsôt weiterreicht, bevor er selbst auch daraus trinkt. Das Glas enthält jedoch keinen Wein, wie alle Beteiligten meinen, sondern ez was diu wernde swaere,/diu endelôse herzenôt,/von der si beide lâgen tôt. (V. 11674-76). Auch Brangäne, die kurz darauf erscheint, begreift sofort das kommende Verhängnis: ouwê Tristan unde Îsôt,/diz tranc ist iuwer beider tôt! (V. 11705f.) Mit ähnlichen Worten berichtet sie das Unglück übrigens auch Îsôt: «owî!» sprach sî «daz selbe glas/und der tranc, der dar inne was,/der ist iuwer beider tôt.» (V. 12487-89)

 

IV. Die Wirkung des Minnetranks

Kaum haben Tristan und Îsôt von dem Minnetrank getrunken, werden sie ein und einvalt ,/die zwei und zwîvalt wâren ê. (V. 11716f.) si haeten beide ein herze./ir swaere was sîn smerze,/sîn smerze was ir swaere ./si wâren beide einbaere /an liebe unde an leide (V. 11727-31), doch noch glauben und trauen sie diesem neuen Gefühl nicht, sondern verbergen und verdrängen es. (V. 11732-11791) Doch was sie auch immer versuchen, diesem Gefühl zu entgehen, es gelingt nicht. Als Tristan Herz und Verstand befragt, findet er nur Îsôt unde Minne (V. 11788); als Îsôt ihre Gedanken kreisen lässt, findet sie nur minne unde Tristan (V. 11818)

 

V. ... mit gelîmeten ougen ...

Îsôt erkennt das Wesen der Liebe, die sie fortan an Tristan binden wird, als erste: dô sî den lîm erkande/der gespenstegen minne/und sach wol, daz ir sinne/dar în versenket wâren,/si begunde stades vâren,/si wolte ûz unde dan./sô clebete ir ie der lîm an./der zôch si wider unde nider. [...] ir gelîmeten sinne/die enkunden niender hin gewegen/noch gebrucken noch gestegen/halben vuoz noch halben trite,/Minne diu enwaere ie dâ mite. (V. 11792-11814)
Als sie der Liebe nicht entfliehen können, ergeben sie sich: Îsôt diu leite ir criec der nider/und tete, als ez ir was gewant. (V. 11836f.) Tristan begunde ouch entwîchen/do's in diu minne niht erlie. (V. 11850f.)
mit gelîmeten ougen gestehen sie sich nun ihre Liebe (V. 11904ff.)

lîm ist hier die Metapher für die Innigkeit der Verbindung zwischen Tristan und Isolde, und steht gleichzeitig auch für deren Unauflösbarkeit. Der Leim ist derjenige Leim, der zum Vogelfang auf Äste gestrichen wird, die dann, als Anflugmöglichkeit für Vögel, auf Büsche oder kleine Bäume aufgepfropft werden. Fliegt ein Vogel einen derart präparierten Ast an, bricht dieser ab; der Vogel fällt mitsamt dem Ast zu Boden, der zähflüssige Leim verklebt im das Gefieder und macht eine Flucht unmöglich.

 

VI. Parallelen zwischen Riwalîn und Tristan

Die Metapher der Leimrute wird hier nicht zum ersten Mal bemüht, sondern ist bereits aus der Vorgeschichte um Riwalîn und Blancheflur bekannt: dort wird nämlich der verliebte Riwalîn durch das metaphorische Bild des auf der Leimrute flatternden Vogels charakterisiert (V. 841-858).
Doch mehr noch: Riwalîn muss nicht nur einen ähnlichen inneren Kampf ausfechten wie sein Sohn, bis er sich aller Gefühle sicher ist bzw. bis sich die Liebe durchgesetzt hat (Nu daz diu süeze minne/sîn herze und sîne sinne/al nâch ir willen haete brâht, (V. 915-917)), sondern steht, ebenso unwissend wie Tristan, der Liebe und dem damit einhergehenden Leid gegenüber: dannoch was ime vil ungedâht,/daz herzeliebe waere/sô nâhe gênde ein swaere. (V. 919-920), die fortan seine Herrin ist.

Riwalîn verliebt sich leidenschaftlich in Blancheflur - ohne Minnetrank oder andere Hilfsmittel; aus welchem Grund sollte ausgerechnet sein Sohn, der aus dieser leidenschaftlichen Liebe hervorgegangen ist, nicht in der Lage sein, eine ebenso leidenschaftliche Liebe zu entwickeln? Freilich nicht zu Îsôt, denn die ist ja seinem Onkel Marke versprochen und wäre damit ohne den Minnetrank nicht seine Geliebte, sondern seine Tante geworden. Ist allein deshalb schon der Minnetrank notwendig, weil er zusammengebracht hat, was ohne ihn wohl nie zusammen gekommen wäre? Und wenn man nun von einer heimlichen, aber gegenseitigen Verliebtheit zwischen Tristan und Îsôt ausgeht? Hätte in diesem Fall der bestimmungsgemäß angewandte Minnetrank zumindest Îsôts Gefühle in die gewünschte Richtung gelenkt? Tristan hätte dann ja immer noch „die andere“, Îsôt Weißhand heiraten können, wie er es ohnehin getan hat ...

 

VII. Schlussbetrachtung

Kontroverser können die Positionen der Forschung zur Frage des tranc von minnen kaum sein: Handelt es sich bei dem Liebestrank nun um einen Zaubertrank, der tatsächlich in der Lage ist, Liebe zwischen zwei Menschen zu stiften?
Oder ist er vielmehr ein Symbol dieser Liebe? Und wenn es sich um ein Symbol handelt, hat dieses Symbol vielleicht zusätzlich zu seiner symbolischen Eigenschaften auch noch eine liebesstiftende Wirkung? Begründet sich auf diese Weise gar ein Erwachen der sinnlichen Liebe oder die oft zitierte Tristanliebe? Oder hat der Minnetrank lediglich die Funktion, die bereits vorhandene Liebe zwischen Tristan und Isolde in deren Bewußtsein zu holen?

So hat es, neben einigen Interpreten der Gottfried- und Tristanforschung, wohl auch Richard Wagner verstanden oder verstehen wollen, denn sein Minnetrank hätte, wie Thomas Mann richtig bemerkt, ebenso gut ein Krug Wasser sein können.
Ähnlich dachte wohl auch Donizetti, als er sein Elisir d’amore konzipierte ; zwar enthält sein Liebestrank als guter, italienischer Rotwein auch Alkohol, doch die Liebe zwischen Aldina und Nemorino hat er höchstens versüßt, nicht aber gestiftet.

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