Ungekürztes Werk "Irrungen, Wirrungen" von Theodor Fontane (Seite 75)

ich muß es immer sehn. Und wenn ich es nicht sehe, dann denk’ ich, es ist alles aus und kein Leben und kein Funke mehr. Und man hat doch so seine Angst hier …«

Und dabei wies sie nach Brust und Herz.

»Ach, Mutter, du denkst immer gleich an Sterben. Und ist doch so oft schon vorübergegangen.«

»Ja, Kind, oft is es vorübergegangen, aber mal kommt es, und mit siebzig, da kann es jeden Tag kommen. Weißt du, mache das andere Fenster auch noch auf, dann is mehr Luft hier, und das Feuer brennt besser. Sieh doch bloß, es will nicht mehr recht, es raucht so …«

»Das macht die Sonne, die grade drauf steht …«

»Und dann gib mir von den grünen Tropfen, die mir die Dörr gebracht hat. Ein bißchen hilft es doch immer.«

Lene tat wie geheißen, und der Kranken, als sie die Tropfen genommen hatte, schien wirklich etwas besser und leichter ums Herz zu werden. Sie stemmte die Hand aufs Bett und schob sich höher hinauf, und als ihr Lene noch ein Kissen ins Kreuz gestopft hatte, sagte sie: »War Franke schon hier?«

»Ja; gleich heute früh. Er fragt immer, ehe er in die Fabrik geht.«

»Is ein sehr guter Mann.«

»Ja, das ist er.«

»Und mit das Konventikelsche …«

»… wird es so schlimm nicht sein. Und ich glaube beinah, daß er seine guten Grundsätze da her hat. Glaubst du nicht auch?«

Die Alte lächelte. »Nein, Lene, die kommen vom lieben Gott. Und der eine hat sie, un der andre hat sie nicht. Ich glaube nich recht ans Lernen un Erziehen … Und hat er noch nichts gesagt?«

»Ja, gestern abend.«

»Un was hast du ihm geantwortet?«

»Ich hab’ ihm geantwortet, daß ich ihn nehmen wolle, weil ich ihn für einen ehrlichen und zuverlässigen Mann hielte, der nicht bloß für mich, sondern auch für dich sorgen würde …«

Die Alte nickte zustimmend.

»Und«, fuhr Lene fort, »als ich das so gesagt hatte, nahm er meine Hand und rief in guter Laune: ›Na, Lene, denn also abgemacht!‹ Ich aber schüttelte den Kopf und sagte, daß das so schnell nicht ginge, denn ich hätt’ ihm noch was zu bekennen. Und als er fragte, was, erzählt’ ich ihm, ich hätte zweimal ein Verhältnis gehabt: erst … na, du weißt ja, Mutter … und den ersten hätt’ ich ganz gern gehabt, und den andern hätt’ ich sehr geliebt, und mein Herz hinge noch an ihm. Aber er sei jetzt glücklich verheiratet, und ich hätt’ ihn nie wieder gesehen, außer ein einzig Mal, und ich wollt’ ihn auch nicht wiedersehn. Ihm aber, der es so gut mit uns meine, hätt’ ich das alles sagen müssen, weil ich keinen und am wenigsten ihn hintergehen wolle …«

»Jott, Jott«, weimerte die Alte dazwischen.

»… und gleich danach ist er aufgestanden und in seine Wohnung rübergegangen. Aber er war nicht böse, was ich ganz deutlich sehen konnte. Nur litt er’s nicht, als ich ihn, wie sonst, bis an die Flurtür bringen wollte.«

Frau Nimptsch war ersichtlich in Angst und Unruhe, wobei sich freilich nicht recht erkennen ließ, ob es um des eben Gehörten

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