Ungekürztes Werk "Schach von Wuthenow" von Theodor Fontane (Seite 29)
Wahre Wunder der Tapferkeit wurden verrichtet, und die Franzosen selbst haben es in enthusiastischen Ausdrücken anerkannt.”
Der Prinz, der bei der vorjährigen Berliner Anwesenheit des unausgesetzt als deliciae generis humani gepriesenen Kaisers keinen allzu günstigen Eindruck von ihm empfangen hatte, fand es einigermaßen unbequem, den “liebenswürdigsten der Menschen” auch noch zum “heldischsten” erhoben zu sehen. Er lächelte deshalb und sagte: “Seine kaiserliche Majestät in Ehren, so scheint es mir doch, lieber Schach, als ob Sie französischen Zeitungsberichten mehr Gewicht beilegten, als ihnen beizulegen ist. Die Franzosen sind kluge Leute. Je mehr Rühmens sie von ihrem Gegner machen, desto größer wird ihr eigner Ruhm, und dabei schweig ich noch von allen möglichen politischen Gründen, die jetzt sicherlich mitsprechen. ‚Man soll seinem Feinde goldene Brücken bauen‘, sagt das Sprichwort, und sagt es mit Recht, denn wer heute mein Feind war, kann morgen mein Verbündeter sein. Und in der Tat, es spukt schon dergleichen, ja, wenn ich recht unterrichtet bin, so verhandelt man bereits über eine neue Teilung der Welt, will sagen über die Wiederherstellung eines morgenländischen und abendländischen Kaisertums. Aber lassen wir Dinge, die noch in der Luft schweben, und erklären wir uns das dem Heldenkaiser gespendete Lob lieber einfach aus dem Rechnungssatze: ‚Wenn der unterlegene russische Mut einen vollen Zentner wog, so wog der siegreich französische natürlich zwei.‘”
Schach, der seit Kaiser Alexanders Besuch in Berlin das Andreaskreuz trug, biß sich auf die Lippen und wollte replizieren. Aber Bülow kam ihm zuvor und bemerkte: “Gegen ‚unter dem Leibe erschossene Kaiserpferde‘ bin ich überhaupt immer mißtrauisch. Und nun gar hier. All diese Lobeserhebungen müssen Seine Majestät sehr in Verlegenheit gebracht haben, denn es gibt ihrer zu viele, die das Gegenteil bezeugen können. Er ist der ‚gute Kaiser‘ und damit Basta.”
“Sie sprechen das so spöttisch, Herr von Bülow”, antwortete Schach. “Und doch frag ich Sie, gibt es einen schöneren Titel?”
“Oh, gewiß gibt es den. Ein wirklich großer Mann wird nicht um seiner Güte willen gefeiert und noch weniger danach benannt. Er wird umgekehrt ein Gegenstand beständiger Verleumdungen sein. Denn das Gemeine, das überall vorherrscht, liebt nur das, was ihm gleicht. Brenkenhof, der trotz seiner Paradoxien mehr gelesen werden sollte, als er gelesen wird, behauptet geradezu, ‚daß in unserm Zeitalter die besten Menschen die schlechteste Reputation haben müßten‘. Der gute Kaiser! Ich bitte Sie. Welche Augen wohl König Friedrich gemacht haben würde, wenn man ihn den ‚guten Friedrich‘ genannt hätte.”
“Bravo, Bülow”, sagte der Prinz, und grüßte mit dem Glase hinüber. “Das ist mir aus der Seele gesprochen.”
Aber es hätte dieses Zuspruches nicht bedurft. “Alle Könige”, fuhr Bülow in wachsendem Eifer fort, “die den Beinamen des ‚guten‘ führen, sind solche, die das ihnen anvertraute Reich zu Grabe getragen oder doch bis an den Rand der Revolution gebracht haben. Der letzte König von Polen war auch ein sogenannter ‚guter‘. In der Regel haben solche Fürstlichkeiten einen großen Harem und einen kleinen Verstand. Und geht es in den Krieg, so muß irgend eine Kleopatra mit ihnen, gleichviel mit oder ohne Schlange.”
“Sie meinen doch nicht, Herr von Bülow”, entgegnete Schach,