Ungekürztes Werk "Schach von Wuthenow" von Theodor Fontane (Seite 30)
“durch Auslassungen wie diese den Kaiser Alexander charakterisiert zu haben.”
“Wenigstens annähernd.”
“Da wär ich doch neugierig.”
“Es ist zu diesem Behufe nur nötig, sich den letzten Besuch des Kaisers in Berlin und Potsdam zurückzurufen. Um was handelte sich's? Nun, anerkanntermaßen um nichts Kleines und Alltägliches, um Abschluß eines Bündnisses auf Leben und Tod, und wirklich, bei Fackellicht trat man in die Gruft Friedrichs des Großen, um sich, über dem Sarge desselben, eine halbmystische Blutsfreundschaft zuzuschwören. Und was geschah unmittelbar danach? Ehe drei Tage vorüber waren, wußte man, daß der aus der Gruft Friedrichs des Großen glücklich wieder ans Tageslicht gestiegene Kaiser die fünf anerkanntesten beautés des Hofes in ebensoviele Schönheitskategorien gebracht habe: beauté coquette und beauté triviale, beauté céleste und beauté du diable, und endlich fünftens ‚beauté, qui inspire seul du vrai sentiment‘. Wobei wohl jeden die Neugier angewandelt haben mag, das Allerhöchste ‚vrai sentiment‘ kennen zu lernen.”
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Ein neuer Gast
All diese Sprünge Bülows hatten die Heiterkeit des Prinzen erregt, der denn auch eben mit einem ihm bequem liegenden Capriccio über beauté céleste und beauté du diable beginnen wollte, als er vom Korridor her, unter dem halb zurückgeschlagenen Portierenteppich, einen ihm wohlbekannten kleinen Herrn von unverkennbaren Künstlerallüren erscheinen und gleich danach eintreten sah.
“Ah, Dussek, das ist brav”, begrüßte ihn der Prinz. “Mieux vaut tard que jamais. Rücken Sie ein. Hier. Und nun bitt ich, alles, was an Süßigkeiten noch da ist, in den Bereich unsres Künstlerfreundes bringen zu wollen. Sie finden noch tutti quanti, lieber Dussek. Keine Einwendungen. Aber was trinken Sie? Sie haben die Wahl. Asti, Montefiascone, Tokayer.”
“Irgendeinen Ungar.”
“Herben?”
Dussek lächelte.
“Törichte Frage”, korrigierte sich der Prinz und fuhr in gesteigerter guter Laune fort: “Aber nun, Dussek, erzählen Sie. Theaterleute haben, die Tugend selber ausgenommen, allerlei Tugenden, und unter diesen auch die der Mitteilsamkeit. Sie bleiben einem auf die Frage ‚was Neues‘ selten eine Antwort schuldig.”
“Und auch heute nicht, Königliche Hoheit”, antwortete Dussek, der, nachdem er genippt hatte, eben sein Bärtchen putzte.
“Nun, so lassen Sie hören. Was schwimmt obenauf?”
“Die ganze Stadt ist in Aufregung. Versteht sich, wenn ich sage ‚die ganze Stadt‘, so mein ich das Theater.”
“Das Theater ist die Stadt. Sie sind also gerechtfertigt. Und nun weiter.”
“Königliche Hoheit befehlen. Nun denn, wir sind in unsrem Haupt und Führer empfindlich gekränkt worden und haben denn auch aus eben diesem Grunde nicht viel weniger als eine kleine Theateremeute gehabt. Das also, hieß es, seien die neuen Zeiten, das sei das bürgerliche Regiment, das sei der Respekt vor den preußischen ‚belles lettres et beaux arts‘. Eine ‚Huldigung der Künste‘ lasse man sich gefallen, aber eine Huldigung gegen die Künste, die sei so fern wie je.”
“Lieber Dussek”, unterbrach der Prinz, “Ihre Reflexionen in Ehren. Aber, da Sie gerade von Kunst sprechen, so muß ich Sie bitten, die Kunst der Retardierung nicht übertreiben zu wollen. Wenn es also möglich ist, Tatsachen. Um was handelt es sich?”
“Iffland ist gescheitert. Er wird den Orden, von dem die Rede war, nicht erhalten.”
Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostitz skandierte: “Parturiunt montes, nascetur ridiculus mus.”
Aber Dussek war in wirklicher Erregung,