Ungekürztes Werk "Die Leiden des Jungen Werthers" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 49)
zittert, da die Vergangenheit wie ein Blitz über dem finstern Abgrunde der Zukunft leuchtet und alles um mich her versinkt und mit mir die Welt untergeht. – Ist es da nicht die Stimme der ganz in sich gedrängten, sich selbst ermangelnden und unaufhaltsam hinabstürzenden Kreatur, in den innern Tiefen ihrer vergebens aufarbeitenden Kräfte zu knirschen: »Mein Gott! Mein Gott! warum hast du mich verlassen?« Und sollt ich mich des Ausdrucks schämen, sollte mir's vor dem Augenblicke bange sein, da ihm der nicht entging, der die Himmel zusammenrollt wie ein Tuch.
Am 21. Nov.
Sie sieht nicht, sie fühlt nicht, daß sie einen Gift bereitet, der mich und sie zugrunde richten wird. Und ich mit voller Wollust schlurfe den Becher aus, den sie mir zu meinem Verderben reicht. Was soll der gütige Blick, mit dem sie mich oft – oft? – nein, nicht oft, aber doch manchmal ansieht, die Gefälligkeit, womit sie einen unwillkürlichen Ausdruck meines Gefühls aufnimmt, das Mitleiden mit meiner Duldung, das sich auf ihrer Stirne zeichnet.
Gestern, als ich wegging, reichte sie mir die Hand und sagte: »Adieu, lieber Werther!« Lieber Werther! Es war das erste Mal, daß sie mich »Lieber« hieß, und mir ging's durch Mark und Bein. Ich hab mir's hundertmal wiederholt, und gestern nacht, da ich ins Bette gehen wollte und mit mir selbst allerlei schwatzte, sag ich so auf einmal: »Gute Nacht, lieber Werther!« Und mußte hernach selbst über mich lachen.
Am 24. Nov.
Sie fühlt, was ich dulde. Heut ist mir ihr Blick tief durchs Herz gedrungen. Ich fand sie allein. Ich sagte nichts, und sie sah mich an. Und ich sah nicht mehr in ihr die liebliche Schönheit, nicht mehr das Leuchten des trefflichen Geistes; das war all vor meinem Auge verschwunden. Ein weit herrlicherer Blick würkte auf mich, voll Ausdruck des innigsten Anteils, des süßten Mitleidens. Warum durft ich mich nicht ihr zu Füßen werfen! warum durft ich nicht an ihrem Halse mit tausend Küssen antworten! – Sie nahm ihre Zuflucht zum Klaviere und hauchte mit süßer, leiser Stimme harmonische Laute zu ihrem Spiele. Nie hab ich ihre Lippen so reizend gesehn, es war, als wenn sie sich lechzend öffneten, jene süßen Töne in sich zu schlürfen, die aus dem Instrumente hervorquollen, und nur der heimliche Widerschall aus dem süßen Munde zurückklänge – Ja, wenn ich Dir das so sagen könnte! Ich widerstund nicht länger, neigte mich und schwur: nie will ich's wagen, einen Kuß euch einzudrücken, Lippen, auf denen die Geister des Himmels schweben – Und doch – ich will – Ha! siehst Du, das steht wie eine Scheidewand vor meiner Seelen – diese Seligkeit – und dann untergegangen, die Sünde abzubüßen – Sünde?
Am 30. Nov.
Ich soll, ich soll nicht zu mir selbst kommen; wo ich hintrete, begegnet mir eine Erscheinung, die mich aus aller Fassung bringt. Heut! O Schicksal! O Menschheit!
Ich gehe an dem Wasser hin in der Mittagsstunde, ich hatte keine Lust zu essen. Alles war so öde, ein naßkalter Abendwind blies vom Berge, und die grauen Regenwolken zogen das