Ungekürztes Werk "Die Leiden des Jungen Werthers" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 50)
Tal hinein. Von ferne seh ich einen Menschen in einem grünen, schlechten Rocke, der zwischen den Felsen herumkrabbelte und Kräuter zu suchen schien. Als ich näher zu ihm kam und er sich auf das Geräusch, das ich machte, herumdrehte, sah ich eine gar interessante Physiognomie, darin eine stille Trauer den Hauptzug machte, die aber sonst nichts als einen graden, guten Sinn ausdrückte; seine schwarzen Haare waren mit Nadeln in zwei Rollen gesteckt und die übrigen in einen starken Zopf geflochten, der ihm den Rücken herunterhing. Da mir seine Kleidung einen Menschen von geringem Stande zu bezeichnen schien, glaubt ich, er würde es nicht übelnehmen, wenn ich auf seine Beschäftigung aufmerksam wäre, und daher fragte ich ihn, was er suchte. Ich suche«, antwortete er mit einem tiefen Seufzer, »Blumen – und finde keine.« – »Das ist auch die Jahrszeit nicht«, sagt ich lächelnd. »Es gibt so viel Blumen«, sagt er, indem er zu mir herunterkam. »In meinem Garten sind Rosen und Jelängerjelieber zweierlei Sorten, eine hat mir mein Vater gegeben, sie wachsen wie's Unkraut, ich suche schon zwei Tage darnach und kann sie nicht finden. Da haußen sind auch immer Blumen, gelbe und blaue und rote, und das Tausendgüldenkraut hat ein schön Blümchen. Keines kann ich finden.« Ich merkte was Unheimliches, und drum fragte ich durch einen Umweg: »Was will Er denn mit den Blumen?« Ein wunderbares, zuckendes Lächlen verzog sein Gesicht. »Wenn Er mich nicht verraten will«, sagt er, indem er den Finger auf den Mund drückte, »ich habe meinem Schatze einen Strauß versprochen.« – »Das ist brav«, sagt ich. »Oh«, sagt er, »sie hat viel andre Sachen, sie ist reich.« – »Und doch hat sie Seinen Strauß lieb«, versetzt ich. »Oh!« fuhr er fort, »sie hat Juwelen und eine Krone.« – »Wie heißt sie denn?« – »Wenn mich die Generalstaaten bezahlen wollten!« versetzte er, »ich wär ein anderer Mensch! Ja, es war einmal eine Zeit, da mir's so wohl war. Jetzt ist's aus mit mir, ich bin nun –« Ein nasser Blick zum Himmel drückte alles aus. »Er war also glücklich?« fragt ich. »Ach ich wollt, ich wäre wieder so!« sagt er, »da war mir's so wohl, so lustig, so leicht wie ein Fisch im Wasser!« – »Heinrich!« rufte eine alte Frau, die den Weg herkam. »Heinrich, wo stickst du? Wir haben dich überall gesucht. Komm zum Essen.« – »Ist das Euer Sohn?« fragt ich, zu ihr tretend. »Wohl, mein armer Sohn«, versetzte sie. »Gott hat mir ein schweres Kreuz aufgelegt.« – »Wie lang ist er so?« fragt ich. »So stille«, sagte sie, »ist er nun ein halb Jahr. Gott sei Dank, daß es nur so weit ist. Vorher war er ein ganz Jahr rasend, da hat er an Ketten im Tollhause gelegen. Jetzt tut er niemand nichts, nur hat er immer mit Königen und Kaisern zu tun. Es war ein so guter, stiller Mensch, der mich ernähren half, seine schöne Hand schrieb, und auf einmal wird er tiefsinnig, fällt in ein hitzig Fieber, daraus in Raserei, und nun