Ungekürztes Werk "Wilhelm Meisters Lehrjahre" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 184)
Arbeit; Philine hatte sie von der Gräfin zum Geschenk erhalten, einer Dame, deren schöner Fuß berühmt war.
“Ein reizender Gegenstand!” rief Serlo, “das Herz hüpft mir, wenn ich sie ansehe.”
“Welche Verzuckungen!” sagte Philine.
“Es geht nichts über ein Paar Pantöffelchen von so feiner, schöner Arbeit”, rief Serlo; “doch ist ihr Klang noch reizender als ihr Anblick.” Er hub sie auf und ließ sie einigemal hintereinander wechselsweise auf den Tisch fallen.
“Was soll das heißen? Nur wieder her damit!” rief Philine.
“Darf ich sagen”, versetzte er mit verstellter Bescheidenheit und schalkhaftem Ernst, “wir andern Junggesellen, die wir nachts meist allein sind und uns doch wie andre Menschen fürchten und im Dunkeln uns nach Gesellschaft sehnen, besonders in Wirtshäusern und fremden Orten, wo es nicht ganz geheuer ist, wir finden es gar tröstlich, wenn ein gutherziges Kind uns Gesellschaft und Beistand leisten will. Es ist Nacht, man liegt im Bette, es raschelt, man schaudert, die Türe tut sich auf, man erkennt ein liebes, pisperndes Stimmchen, es schleicht was herbei, die Vorhänge rauschen, klipp! klapp! die Pantoffeln fallen, und husch! man ist nicht mehr allein. Ach der liebe, der einzige Klang, wenn die Absätzchen auf den Boden aufschlagen! Je zierlicher sie sind, je feiner klingt’s. Man spreche mir von Philomelen, von rauschenden Bächen, vom Säuseln der Winde und von allem, was je georgelt und gepfiffen worden ist, ich halte mich an das Klipp! Klapp! – Klipp! Klapp! ist das schönste Thema zu einem Rondeau, das man immer wieder von vorne zu hören wünscht.”
Philine nahm ihm die Pantoffeln aus den Händen und sagte: “Wie ich sie krummgetreten habe! Sie sind mir viel zu weit.” Dann spielte sie damit und rieb die Sohlen gegeneinander. “Was das heiß wird!” rief sie aus, indem sie die eine Sohle flach an die Wange hielt, dann wieder rieb und sie gegen Serlo hinreichte. Er war gutmütig genug, nach der Wärme zu fühlen, und “Klipp! Klapp!” rief sie, indem sie ihm einen derben Schlag mit dem Absatz versetzte, daß er schreiend die Hand zurückzog. “Ich will euch lehren, bei meinen Pantoffeln was anders denken!” sagte Philine lachend.
“Und ich will dich lehren, alte Leute wie Kinder anführen!” rief Serlo dagegen, sprang auf, faßte sie mit Heftigkeit und raubte ihr manchen Kuß, deren jeden sie sich mit ernstlichem Widerstreben gar künstlich abzwingen ließ. Über dem Balgen fielen ihre langen Haare herunter und wickelten sich um die Gruppe, der Stuhl schlug an den Boden, und Aurelie, die von diesem Unwesen innerlich beleidigt war, stand mit Verdruß auf.
SECHSTES KAPITEL
Obgleich bei der neuen Bearbeitung “Hamlets” manche Personen weggefallen waren, so blieb die Anzahl derselben doch immer noch groß genug, und fast wollte die Gesellschaft nicht hinreichen.
“Wenn das so fortgeht”, sagte Serlo, “wird unser Souffleur auch noch aus dem Loche hervorsteigen müssen, unter uns wandeln und zur Person werden.”
“Schon oft habe ich ihn an seiner Stelle bewundert”, versetzte Wilhelm.
“Ich glaube nicht, daß es einen vollkommenern Einhelfer gibt”, sagte Serlo. “Kein Zuschauer wird ihn jemals hören; wir auf dem Theater verstehen jede Silbe. Er hat sich gleichsam ein eigen Organ