Ungekürztes Werk "Wilhelm Meisters Lehrjahre" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 192)

mit der rechten Hand eine befehlende Stellung annehme, etwas gewandt sei und gleichsam über die Schulter sehe, damit sie dem Geiste völlig gleiche in dem Augenblicke, da dieser zur Türe hinausgeht. Es wird eine sehr große Wirkung tun, wenn in diesem Augenblick Hamlet nach dem Geiste und die Königin nach dem Bilde sieht. Der Stiefvater mag dann im königlichen Ornat, doch unscheinbarer als jener, vorgestellt werden.”

So gab es noch verschiedene Punkte, von denen wir zu sprechen vielleicht Gelegenheit haben.

“Sind Sie auch unerbittlich, daß Hamlet am Ende sterben muß?” fragte Serlo.

“Wie kann ich ihn am Leben erhalten” ‚sagte Wilhelm‘ “da ihn das ganze Stück zu Tode drückt? Wir haben ja schon so weitläufig darüber gesprochen.”

“Aber das Publikum wünscht ihn lebendig.”

“Ich will ihm gern jeden andern Gefallen tun, nur diesmal ist’s unmöglich. Wir wünschen auch, daß ein braver, nützlicher Mann, der an einer chronischen Krankheit stirbt, noch länger leben möge. Die Familie weint und beschwört den Arzt, der ihn nicht halten kann: und sowenig als dieser einer Naturnotwendigkeit zu widerstehen vermag, sowenig können wir einer anerkannten Kunstnotwendigkeit gebieten. Es ist eine falsche Nachgiebigkeit gegen die Menge, wenn man ihnen die Empfindungen erregt, die sie haben wollen, und nicht, die sie haben sollen.”

“Wer das Geld bringt, kann die Ware nach seinem Sinne verlangen.”

“Gewissermaßen; aber ein großes Publikum verdient, daß man es achte, daß man es nicht wie Kinder, denen man das Geld abnehmen will, behandle. Man bringe ihm nach und nach durch das Gute Gefühl und Geschmack für das Gute bei, und es wird sein Geld mit doppeltem Vergnügen einlegen, weil ihm der Verstand, ja die Vernunft selbst bei dieser Ausgabe nichts vorzuwerfen hat. Man kann ihm schmeicheln wie einem geliebten Kinde, schmeicheln, um es zu bessern, um es künftig aufzuklären; nicht wie einem Vornehmen und Reichen, um den Irrtum, den man nutzt, zu verewigen.”

So handelten sie noch manches ab, das sich besonders auf die Frage bezog: was man noch etwa an dem Stücke verändern dürfe und was unberührt bleiben müsse. Wir lassen uns hierauf nicht weiter ein, sondern legen vielleicht künftig die neue Bearbeitung “Hamlets” selbst demjenigen Teile unsrer Leser vor, der sich etwa dafür interessieren könnte.

ZEHNTES KAPITEL

Die Hauptprobe war vorbei; sie hatte übermäßig lange gedauert. Serlo und Wilhelm fanden noch manches zu besorgen: denn ungeachtet der vielen Zeit, die man zur Vorbereitung verwendet hatte, waren doch sehr notwendige Anstalten bis auf den letzten Augenblick verschoben worden.

So waren zum Beispiel die Gemälde der beiden Könige noch nicht fertig, und die Szene zwischen Hamlet und seiner Mutter, von der man einen so großen Effekt hoffte, sah noch sehr mager aus, indem weder der Geist noch sein gemaltes Ebenbild dabei gegenwärtig war. Serlo scherzte bei dieser Gelegenheit und sagte: “Wir wären doch im Grunde recht übel angeführt, wenn der Geist ausbliebe, die Wache wirklich mit der Luft fechten und unser Souffleur aus der Kulisse den Vortrag des Geistes supplieren müßte.”

“Wir wollen den wunderbaren Freund nicht durch unsern Unglauben verscheuchen”, versetzte Wilhelm; “er kommt gewiß zur rechten Zeit und wird uns so gut als

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