Ungekürztes Werk "Wilhelm Meisters Lehrjahre" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 265)

Hand an im Sinne, sie wegzuführen. “Ich werde nicht auf mein Zimmer gehen”, rief sie aus, “ich hasse die Wände, zwischen denen ihr mich schon so lange gefangenhaltet! Und doch habe ich alles erfahren, der Obrist hat ihn herausgefordert, er ist hinausgeritten, seinen Gegner aufzusuchen, und vielleicht jetzt eben in diesem Augenblicke – es war mir etlichemal, als hörte ich schießen. Lassen Sie anspannen und fahren Sie mit mir, oder ich fülle das Haus, das ganze Dorf mit meinem Geschrei.”

Sie eilte unter den heftigsten Tränen nach dem Fenster, der Abbé hielt sie zurück und suchte vergebens, sie zu besänftigen.

Man hörte einen Wagen fahren, sie riß das Fenster auf: “Er ist tot!” rief sie, “da bringen sie ihn.” – “Er steigt aus!” sagte der Abbé. “Sie sehen, er lebt.” – “Er ist verwundet”, versetzte sie heftig, “sonst käm er zu Pferde! Sie führen ihn! Er ist gefährlich verwundet!” Sie rannte zur Türe hinaus und die Treppe hinunter, der Abbé eilte ihr nach, und Wilhelm folgte ihnen; er sah, wie die Schöne ihrem heraufkommenden Geliebten begegnete.

Lothario lehnte sich auf seinen Begleiter, welchen Wilhelm sogleich für seinen alten Gönner Jarno erkannte, sprach dem trostlosen Frauenzimmer gar liebreich und freundlich zu, und indem er sich auch auf sie stützte, kam er die Treppe langsam herauf; er grüßte Wilhelmen und ward in sein Kabinett geführt.

Nicht lange darauf kam Jarno wieder heraus und trat zu Wilhelmen: “Sie sind, wie es scheint”, sagte er, “prädestiniert, überall Schauspieler und Theater zu finden; wir sind eben in einem Drama begriffen, das nicht ganz lustig ist.”

“Ich freue mich”, versetzte Wilhelm, “Sie in diesem sonderbaren Augenblicke wiederzufinden; ich bin verwundert, erschrocken, und Ihre Gegenwart macht mich gleich ruhig und gefaßt. Sagen Sie mir, hat es Gefahr? Ist der Baron schwer verwundet?” – “Ich glaube nicht”, versetzte Jarno.

Nach einiger Zeit trat der junge Wundarzt aus dem Zimmer. “Nun, was sagen Sie?” rief ihm Jarno entgegen. “Daß es sehr gefährlich steht”, versetzte dieser und steckte einige Instrumente in seine lederne Tasche zusammen.

Wilhelm betrachtete das Band, das von der Tasche herunterhing, er glaubte es zu kennen. Lebhafte, widersprechende Farben, ein seltsames Muster, Gold und Silber in wunderlichen Figuren zeichneten dieses Band vor allen Bändern der Welt aus. Wilhelm war überzeugt, die Instrumententasche des alten Chirurgus vor sich zu sehen, der ihn in jenem Walde verbunden hatte, und die Hoffnung, nach so langer Zeit wieder eine Spur seiner Amazone zu finden, schlug wie eine Flamme durch sein ganzes Wesen.

“Wo haben Sie die Tasche her?” rief er aus. “Wem gehörte sie vor Ihnen? Ich bitte, sagen Sie mir’s.” – “Ich habe Sie in einer Auktion gekauft”, versetzte jener; “was kümmert’s mich, wem sie angehörte?” Mit diesen Worten entfernte er sich, und Jarno sagte: “Wenn diesem jungen Menschen nur ein wahres Wort aus dem Munde ginge.” – “So hat er also diese Tasche nicht erstanden?” versetzte Wilhelm. “Sowenig, als es Gefahr mit Lothario hat”, antwortete Jarno.

Wilhelm stand in ein vielfaches Nachdenken versenkt, als Jarno ihn fragte, wie es ihm zeither gegangen sei. Wilhelm erzählte seine Geschichte im

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