Ungekürztes Werk "Wilhelm Meisters Lehrjahre" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 292)
köstliche Geschöpf gedacht, von dessen Anmut so viel zu erzählen wäre.”
“Von wem reden Sie?” versetzte Lothario, “ich verstehe Sie nicht.”
“Von wem anders als von Ihrem Sohne, dem Sohne Aureliens, dem schönen Kinde, dem zu seinem Glücke nichts fehlt, als daß ein zärtlicher Vater sich seiner annimmt?”
“Sie irren sehr, mein Freund”, rief Lothario; “Aurelie hatte keinen Sohn, am wenigsten von mir, ich weiß von keinem Kinde, sonst würde ich mich dessen mit Freuden annehmen; aber auch im gegenwärtigen Falle will ich gern das kleine Geschöpf als eine Verlassenschaft von ihr ansehen und für seine Erziehung sorgen. Hat sie sich denn irgend etwas merken lassen, daß der Knabe ihr, daß er mir zugehöre?”
“Nicht daß ich mich erinnere, ein ausdrückliches Wort von ihr gehört zu haben, es war aber einmal so angenommen, und ich habe nicht einen Augenblick daran gezweifelt.”
“Ich kann”, fiel Jarno ein, “einigen Aufschluß hierüber geben. Ein altes Weib, das Sie oft müssen gesehen haben, brachte das Kind zu Aurelien, sie nahm es mit Leidenschaft auf und hoffte ihre Leiden durch seine Gegenwart zu lindern: auch hat es ihr manchen vergnügten Augenblick gemacht.”
Wilhelm war durch diese Entdeckung sehr unruhig geworden, er gedachte der guten Mignon neben dem schönen Felix auf das lebhafteste, er zeigte seinen Wunsch, die beiden Kinder aus der Lage, in der sie sich befanden, herauszuziehen.
“Wir wollen damit bald fertig sein”, versetzte Lothario. “Das wunderliche Mädchen übergeben wir Theresen, sie kann unmöglich in bessere Hände geraten, und was den Knaben betrifft, den, dächt ich, nähmen Sie selbst zu sich: denn was sogar die Frauen an uns ungebildet zurücklassen, das bilden die Kinder aus, wenn wir uns mit ihnen abgeben.”
“Überhaupt dächte ich”, versetzte Jarno, “Sie entsagten kurz und gut dem Theater, zu dem Sie doch einmal kein Talent haben.”
Wilhelm war betroffen; er mußte sich zusammennehmen, denn Jarnos harte Worte hatten seine Eigenliebe nicht wenig verletzt. “Wenn Sie mich davon überzeugen”, versetzte er mit gezwungenem Lächeln, “so werden Sie mir einen Dienst erweisen, ob es gleich nur ein trauriger Dienst ist, wenn man uns aus einem Lieblingstraume aufschüttelt.”
“Ohne viel weiter darüber zu reden”, versetzte Jarno, “möchte ich Sie nur antreiben, erst die Kinder zu holen; das übrige wird sich schon geben.”
“Ich bin bereit dazu”, versetzte Wilhelm, “ich bin unruhig und neugierig, ob ich nicht von dem Schicksal des Knaben etwas Näheres entdecken kann; ich verlange das Mädchen wiederzusehen, das sich mit so vieler Eigenheit an mich angeschlossen hat.”
Man ward einig, daß er bald abreisen sollte.
Den andern Tag hatte er sich dazu vorbereitet, das Pferd war gesattelt, nur wollte er noch von Lothario Abschied nehmen. Als die Eßzeit herbeikam, setzte man sich wie gewöhnlich zu Tische, ohne auf den Hausherrn zu warten; er kam erst spät und setzte sich zu ihnen.
“Ich wollte wetten”, sagte Jarno, “Sie haben heute Ihr zärtliches Herz wieder auf die Probe gestellt, Sie haben der Begierde nicht widerstehen können, Ihre ehemalige Geliebte wiederzusehen.”
“Erraten!” versetzte Lothario.
“Lassen Sie uns hören”, sagte Jarno, “wie ist es abgelaufen? Ich bin äußerst neugierig.”
“Ich leugne nicht”, versetzte Lothario, “daß mir das Abenteuer mehr als