Ungekürztes Werk "Wilhelm Meisters Lehrjahre" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 295)

da ihn die Kinder stockend und stammelnd vortrugen und wiederholten.

“Da haben Sie es nun!” rief die Alte, ohne abzuwarten, bis er sich erholt hatte; “danken Sie dem Himmel, daß nach dem Verluste eines so guten Mädchens Ihnen noch so ein vortreffliches Kind übrigbleibt. Nichts wird Ihrem Schmerze gleichen, wenn Sie vernehmen, wie das gute Mädchen Ihnen bis ans Ende treu geblieben, wie unglücklich sie geworden ist und was sie Ihnen alles aufgeopfert hat.”

“Laß mich den Becher des Jammers und der Freuden”, rief Wilhelm aus, “auf einmal trinken! Überzeuge mich, ja überrede mich nur, daß sie ein gutes Mädchen war, daß sie meine Achtung wie meine Liebe verdiente, und überlaß mich dann meinen Schmerzen über ihren unersetzlichen Verlust.”

“Es ist jetzt nicht Zeit”, versetzte die Alte, “ich habe zu tun und wünschte nicht, daß man uns beisammen fände. Lassen Sie es ein Geheimnis sein, daß Felix Ihnen angehört; ich hätte über meine bisherige Verstellung zuviel Vorwürfe von der Gesellschaft zu erwarten. Mignon verrät uns nicht, sie ist gut und verschwiegen.”

“Ich wußte es lange und sagte nichts”, versetzte Mignon. “Wie ist es möglich?” rief die Alte. “Woher?” fiel Wilhelm ein.

“Der Geist hat mir’s gesagt.”

“Wie? wo?”

“Im Gewölbe, da der Alte das Messer zog, rief mir’s zu: ‚Rufe seinen Vater!‘ und da fielst du mir ein.”

“Wer rief denn?”

“Ich weiß nicht, im Herzen, im Kopfe, ich war so angst, ich zitterte, ich betete, da rief’s, und ich verstand’s.”

Wilhelm drückte sie an sein Herz, empfahl ihr Felix und entfernte sich. Er bemerkte erst zuletzt, daß sie viel blässer und magerer geworden war, als er sie verlassen hatte. Madame Melina fand er von seinen Bekannten zuerst; sie begrüßte ihn aufs freundlichste. “Oh! daß Sie doch alles”, rief sie aus, “bei uns finden möchten, wie Sie wünschten!”

“Ich zweifle daran”, sagte Wilhelm, “und erwartete es nicht. Gestehen Sie es nur, man hat alle Anstalten gemacht, mich entbehren zu können.”

“Warum sind Sie auch weggegangen?” versetzte die Freundin.

“Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, wie entbehrlich man in der Welt ist. Welche wichtige Personen glauben wir zu sein! Wir denken allein den Kreis zu beleben, in welchem wir wirken; in unserer Abwesenheit muß, bilden wir uns ein, Leben, Nahrung und Atem stocken, und die Lücke, die entsteht, wird kaum bemerkt, sie füllt sich so geschwind wieder aus, ja sie wird oft nur der Platz, wo nicht für etwas Besseres, doch für etwas Angenehmeres.”

“Und die Leiden unserer Freunde bringen wir nicht in Anschlag?”

“Auch unsere Freunde tun wohl, wenn sie sich bald finden, wenn sie sich sagen: ‚Da, wo du bist, da, wo du bleibst, wirke, was du kannst, sei tätig und gefällig, und laß dir die Gegenwart heiter sein‘.”

Bei näherer Erkundigung fand Wilhelm, was er vermutet hatte: die Oper war eingerichtet und zog die ganze Aufmerksamkeit des Publikums an sich. Seine Rollen waren inzwischen durch Laertes und Horatio besetzt worden, und beide lockten den Zuschauern einen weit lebhaftern Beifall ab, als er jemals hatte erlangen können.

Laertes trat herein, und Madame Melina rief aus: “Sehn Sie hier diesen glücklichen Menschen, der bald ein

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