Ungekürztes Werk "Wilhelm Meisters Lehrjahre" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 54)
die Klugheit gehabt hatten, sich von dem Zuge zu enthalten, sich dadurch ein vornehmeres Ansehn zu geben und größere Neugier zu erwecken.
Während des Zuges hatte sich auch die schöne Nachbarin wieder am Fenster sehen lassen, und Wilhelm hatte nicht verfehlt, sich bei seinem Gesellschafter nach ihr zu erkundigen. Dieser, den wir einstweilen Laertes nennen wollen, erbot sich, Wilhelmen zu ihr hinüber zu begleiten. “Ich und das Frauenzimmer”, sagte er lächelnd, “sind ein paar Trümmer einer Schauspielergesellschaft, die vor kurzem hier scheiterte. Die Anmut des Orts hat uns bewogen, einige Zeit hier zu bleiben und unsre wenige gesammelte Barschaft in Ruhe zu verzehren, indes ein Freund ausgewogen ist, ein Unterkommen für sich und uns zu suchen.”
Laertes begleitete sogleich seinen neuen Bekannten zu Philinens Türe, wo er ihn einen Augenblick stehenließ, um in einem benachbarten Laden Zuckerwerk zu holen. “Sie werden mir es gewiß danken”, sagte er, indem er zurückkam, “daß ich Ihnen diese artige Bekanntschaft verschaffe.”
Das Frauenzimmer kam ihnen auf ein Paar leichten Pantöffelchen mit hohen Absätzen aus der Stube entgegengetreten. Sie hatte eine schwarze Mantille über ein weißes Negligé geworfen, das, eben weil es nicht ganz reinlich war, ihr ein häusliches und bequemes Ansehn gab; ihr kurzes Röckchen ließ die niedlichsten Füße von der Welt sehen.
“Sein Sie mir wilkommen!” rief sie Wilhelmen zu, “und nehmen Sie meinen Dank für die schönen Blumen.” Sie führte ihn mit der einen Hand ins Zimmer, indem sie mit der andern den Strauß an die Brust drückte. Als sie sich niedergesetzt hatten und in gleichgültigen Gesprächen begriffen waren, denen sie eine reizende Wendung zu geben wußte, schüttete ihr Laertes gebrannte Mandeln in den Schoß, von denen sie sogleich zu naschen anfing. “Sehn Sie, welch ein Kind dieser junge Mensch ist!” rief sie aus, “er wird Sie überreden wollen, daß ich eine große Freundin von solchen Näschereien sei, und er ist’s, der nicht leben kann, ohne irgend etwas Leckeres zu genießen.”
“Lassen Sie uns nur gestehn”, versetzte Laertes, “daß wir hierin, wie in mehrerem, einander gern Gesellschaft leisten. Zum Beispiel”, sagte er, “es ist heute ein sehr schöner Tag; ich dächte, wir führen spazieren und nähmen unser Mittagsmahl auf der Mühle.” – “Recht gern”, sagte Philine, “wir müssen unserm neuen Bekannten eine kleine Veränderung machen.” Laertes sprang fort, denn er ging niemals, und Wilhelm wollte einen Augenblick nach Hause, um seine Haare, die von der Reise noch verworren aussahen, in Ordnung bringen zu lassen. “Das können Sie hier!” sagte sie, rief ihren kleinen Diener, nötigte Wilhelmen auf die artigste Weise, seinen Rock auszuziehen, ihren Pudermantel anzulegen und sich in ihrer Gegenwart frisieren zu lassen “Man muß ja keine Zeit versäumen”, sagte sie; “man weiß nicht, wie lange man beisammen bleibt.”
Der Knabe, mehr trotzig und unwillig als ungeschickt, benahm sich nicht zum besten, raufte Wilhelmen und schien so bald nicht fertig werden zu wollen. Philine verwies ihm einigemal seine Unart, stieß ihn endlich ungeduldig hinweg und jagte ihn zur Türe hinaus. Nun übernahm sie selbst die Bemühung und kräuselte die Haare unsers Freundes mit großer Leichtigkeit und Zierlichkeit,