Ungekürztes Werk "Das Wirtshaus im Spessart" von Wilhelm Hauff (Seite 18)

als die Wirtin den Spinnrocken beiseite setzte und zu den Gästen an den Tisch trat. »Jetzt, ihr Herren, ist es Zeit, zu Bette zu gehen«, sagte sie. »Es hat neun Uhr geschlagen, und morgen ist auch ein Tag.«

»Ei, so gehe zu Bette!« rief der Student. »Setze noch eine Flasche Wein für uns her, dann wollen wir dich nicht länger abhalten.«

»Mitnichten«, entgegnete sie grämlich. »Solange noch Gäste in der Wirtsstube sitzen, können Wirtin und Dienstboten nicht weggehen. Und kurz und gut, ihr Herren, macht, daß ihr auf eure Kammern kommt; mir wird die Zeit lange, und länger als neun Uhr darf in meinem Hause nicht gezecht werden.«

»Was fällt Euch ein, Frau Wirtin?« sprach der Zirkelschmied staunend. »Was schadet es denn Euch, ob wir hier sitzen, wenn Ihr auch längst schlaft? Wir sind rechtliche Leute und werden Euch nichts hinwegtragen noch ohne Bezahlung fortgehen. Aber so lasse ich mir in keinem Wirtshaus ausbieten.«

Die Frau rollte zornig die Augen: »Meint Ihr, ich werde wegen jedem Lumpen von Handwerksburschen, wegen jedem Straßenläufer, der mir zwölf Kreuzer zu verdienen gibt, meine Hausordnung ändern? Ich sag' euch jetzt zum letztenmal, daß ich den Unfug nicht leide!«

Noch einmal wollte der Zirkelschmied etwas entgegnen, aber der Student sah ihn bedeutend an und winkte mit den Augen den übrigen. »Gut«, sprach er, »wenn es denn die Frau Wirtin nicht haben will, so laßt uns auf unsere Kammern gehen. Aber Lichter möchten wir gerne haben, um den Weg zu finden.«

»Damit kann ich nicht dienen«, entgegnete sie finster. »Die andern werden schon den Weg im Dunkeln finden, und für Euch ist dies Stümpchen hinlänglich; mehr habe ich nicht im Hause.«

Schweigend nahm der junge Herr das Licht und stand auf. Die anderen folgten ihm, und die Handwerksburschen nahmen ihre Bündel, um sie in der Kammer bei sich niederzulegen. Sie gingen dem Studenten nach, der ihnen die Treppe hinanleuchtete.

Als sie oben angekommen waren, bat sie der Student, leise aufzutreten, schloß sein Zimmer auf und winkte ihnen herein. »Jetzt ist kein Zweifel mehr«, sagte er; »sie will uns verraten! Habt ihr nicht bemerkt, wie ängstlich sie uns zu Bette zu bringen suchte, wie sie uns alle Mittel abschnitt, wach und beisammenzubleiben? Sie meint wahrscheinlich, wir werden uns jetzt niederlegen, und dann werde sie um so leichteres Spiel haben.«

»Aber meint ihr nicht, wir könnten noch entkommen?« fragte Felix. »Im Wald kann man doch eher auf Rettung denken als hier im Zimmer.«

»Die Fenster sind auch hier vergittert!« rief der Student, indem er vergebens versuchte, einen der Eisenstäbe des Gitters loszumachen. »Uns bleibt nur ein Ausweg, wenn wir entweichen wollen: durch die Haustür; aber ich glaube nicht, daß sie uns fortlassen werden.«

»Es käme auf den Versuch an«, sprach der Fuhrmann. »Ich will einmal probieren, ob ich bis in den Hof kommen kann. Ist dies möglich, so kehre ich zurück und hole euch nach.«

Die übrigen billigten diesen Vorschlag; der Fuhrmann legte die Schuhe ab und schlich sich auf den Zehen nach der Treppe; ängstlich lauschten seine Genossen oben im Zimmer. Schon war er die eine Hälfte der Treppe

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