Ungekürztes Werk "Das Wirtshaus im Spessart" von Wilhelm Hauff (Seite 19)

glücklich und unbemerkt hinabgestiegen; aber als er sich dort um einen Pfeiler wandte, richtete sich plötzlich eine ungeheure Dogge vor ihm in die Höhe, legte ihre Tatzen auf seine Schultern und wies ihm, gerade seinem Gesicht gegenüber, zwei Reihen langer, scharfer Zähne. Er wagte weder vor- noch rückwärts auszuweichen; denn bei der geringsten Bewegung schnappte der entsetzliche Hund nach seiner Kehle. Zugleich fing er an zu heulen und zu bellen, und alsobald erschienen der Hausknecht und die Frau mit Lichtern.

»Wohin? Was wollt Ihr?« rief die Frau.

»Ich habe noch etwas in meinem Karren zu holen«, antwortete der Fuhrmann, am ganzen Leibe zitternd; denn als die Tür aufgegangen war, hatte er mehrere braune, verdächtige Gesichter – Männer, mit Büchsen in der Hand – im Zimmer bemerkt.

»Das hättet Ihr alles auch vorher abmachen können«, sagte die Wirtin mürrisch. »Fassan, da her! Schließ die Hoftür zu, Jakob, und leuchte dem Mann an seinen Karren.«

Der Hund zog seine greuliche Schnauze und seine Tatzen von der Schulter des Fuhrmanns zurück und lagerte sich wieder quer über die Treppe; der Haus­knecht aber hatte das Hoftor zugeschlossen und leuchtete dem Fuhrmann. An ein Entkommen war nicht zu denken.

Aber als er nachsann, was er denn eigentlich aus dem Karren holen sollte, fiel ihm ein Pfund Wachslichter ein, die er in die nächste Stadt überbringen sollte. »Das Stümpchen Licht oben kann kaum noch eine Viertelstunde dauern«, sagte er zu sich; »und Licht müssen wir dennoch haben!« Er nahm also zwei Wachskerzen aus dem Wagen, verbarg sie in den Ärmeln und holte dann zum Schein seinen Mantel aus dem Karren, womit er sich, wie er dem Haus­knecht sagte, heute nacht bedecken wolle.

Glücklich kam er wieder auf dem Zimmer an. Er erzählte von dem großen Hund, der als Wache an der Treppe liege, von den Männern, die er flüchtig gesehen, von allen Anstalten, die man gemacht, um sich ihrer zu versichern, und schloß damit, daß er seufzend sagte: »Wir werden diese Nacht nicht überleben.«

»Das glaube ich nicht«, erwiderte der Student, »für so töricht kann ich diese Leute nicht halten, daß sie wegen des geringen Vorteils, den sie von uns hätten, vier Menschen ans Leben sollten. Aber verteidigen dürfen wir uns nicht. Ich für meinen Teil werde wohl am meisten verlieren: mein Pferd ist schon in ihren Händen; es kostete mich fünfzig Dukaten noch vor vier Wochen. Meine Börse, meine Kleider gebe ich willig hin, denn mein Leben ist mir am Ende doch lieber als alles dies.«

»Ihr habt gut reden«, erwiderte der Fuhrmann. »Solche Sachen, wie Ihr sie verlieren könnt, ersetzt Ihr Euch leicht wieder; aber ich bin der Bote von Aschaffenburg und habe allerlei Güter auf meinem Karren und im Stall zwei schöne Rosse, meinen einzigen Reichtum.«

»Ich kann unmöglich glauben, daß Sie Euch etwas zuleide tun werden«, bemerkte der Goldschmied. »Einen Boten zu berauben, würde schon viel Geschrei und Lärmen ins Land machen.

Aber dafür bin ich auch, was der Herr dort sagt: Lieber will ich gleich alles hergeben, was ich habe, und mit einem Eid versprechen, nichts zu sagen, ja niemals zu

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