Ungekürztes Werk "Die Karawane" von Wilhelm Hauff (Seite 23)
erwartete ich die Nacht. Um dieselbe Zeit wie gestern ging ich, den Mantel unter dem Arm, auf den Ponte Vecchio. Mit dem letzten Glockenschlag kam die Gestalt aus der Nacht heraus, auf mich zu. Es war unverkennbar der Mann von gestern. »Hast du den Mantel?« wurde ich gefragt.
»Ja, Herr«, antwortete ich, »aber er kostete mich bar hundert Zechinen.«
»Ich weiß es«, entgegnete jener. »Schau auf, hier sind vierhundert.« Er trat mit mir an das breite Geländer der Brücke und zählte die Goldstücke hin.
Vierhundert waren es; prächtig blitzten sie im Mondschein, ihr Glanz erfreute mein Herz, ach – es ahnte nicht, daß es seine letzte Freude sein werde. Ich steckte mein Geld in die Tasche und wollte mir nun auch den gütigen Unbekannten recht betrachten; aber er hatte eine Larve vor dem Gesicht, aus der mich dunkle Augen furchtbar anblitzten. »Ich danke Euch, Herr, für Eure Güte«, sprach ich zu ihm. »Was verlangt Ihr jetzt von mir? Das sage ich Euch aber vorher, daß es nichts Unrechtes sein darf.«
»Unnötige Sorge«, antwortete er, indem er den Mantel um die Schultern legte; »ich bedarf Eurer Hilfe als Arzt; doch nicht für einen Lebenden, sondern für einen Toten.«
»Wie kann das sein?« rief ich voll Verwunderung.
»Ich kam mit meiner Schwester aus fernen Landen«, erzählte er und winkte mir zugleich, ihm zu folgen; »ich wohnte hier mit ihr bei einem Freunde meines Hauses. Meine Schwester starb gestern schnell an einer Krankheit, und die Verwandten wollen sie morgen begraben. Nach einer alten Sitte unserer Familie aber sollen alle in der Gruft der Väter ruhen; viele, die in fremden Landen starben, ruhen dennoch dort einbalsamiert. Meinen Verwandten gönne ich nun ihren Körper, meinem Vater aber muß ich wenigstens den Kopf seiner Tochter bringen, damit er sie noch einmal sehe.«
Diese Sitte, die Köpfe geliebter Anverwandter abzuschneiden, kam mir zwar etwas schrecklich vor, doch wagte ich nichts dagegen einzuwenden, aus Furcht, den Unbekannten zu beleidigen. Ich sagte ihm daher, daß ich mit dem Einbalsamieren der Toten wohl umgehen könne, und bat ihn, mich zu der Verstorbenen zu führen, doch konnte ich mich nicht enthalten zu fragen, warum denn dies alles so geheimnisvoll und in der Nacht geschehen müsse.
Er antwortete mir, daß seine Verwandten, die seine Absicht für grausam hielten, bei Tage ihn abhalten würden; sei aber nur erst einmal der Kopf abgenommen, so können sie wenig mehr darüber sagen. Er hätte mir zwar den Kopf bringen können, aber ein natürliches Gefühl halte ihn ab, ihn selbst abzunehmen.
Wir waren indes bis an ein großes, prachtvolles Haus gekommen. Mein Begleiter zeigte es mir als das Ziel unseres nächtlichen Spaziergangs. Wir gingen an dem Haupttor des Hauses vorbei, traten in eine kleine Pforte, die der Unbekannte sorgfältig hinter sich zumachte, und stiegen nun im Finstern eine enge Wendeltreppe hinan. Sie führte in einen spärlich erleuchteten Gang, aus welchem wir in ein Zimmer gelangten, das eine Lampe, die an der Decke befestigt war, erleuchtete.
In diesem Gemach stand ein Bett, in welchem der Leichnam lag. Der Unbekannte wandte sein Gesicht ab und schien Tränen verbergen zu