Ungekürztes Werk "Die Elixiere des Teufels" von E. T. A. Hoffmann (Seite 108)

Zeit ... alles ... alles will ich gestehen!‹ – Der Fürst, unterrichtet, befiehlt sofort den Prozeß wider Sie aufzuheben und Sie aus der Haft zu entlassen. Das ist die Geschichte Ihrer Befreiung. Der Mönch ist nach dem Kriminalgefängnis gebracht worden.«

»Und hat alles gestanden? Hat er Euphemien, Hermogen ermordet? Wie ist es mit dem Grafen Viktorin?«

»Soviel wie ich weiß, fängt der eigentliche Kriminalprozeß wider den Mönch erst heute an. Was aber den Grafen Viktorin betrifft, so scheint es, als wenn nun einmal alles, was nur irgend mit jenen Ereignissen an unserm Hofe in Verbindung steht, dunkel und unbegreiflich bleiben müsse.«

»Wie die Ereignisse auf dem Schlosse des Barons von F. aber mit jener Katastrophe an Ihrem Hofe sich verbinden sollen, sehe ich in der Tat nicht ein.«

»Eigentlich meinte ich auch mehr die spielenden Personen als die Begebenheit.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Erinnern Sie sich genau meiner Erzählung jener Katastrophe, die dem Prinzen den Tod brachte?«

»Allerdings.«

»Ist es Ihnen dabei nicht völlig klar geworden, daß Francesko verbrecherisch die Italienerin liebte? Daß er es war, der vor dem Prinzen in die Brautkammer schlich und den Prinzen nieder stieß? – Viktorin ist die Frucht jener freveligen Untat: er und Medardus sind Söhne eines Vaters. Spurlos ist Viktorin verschwunden, alles Nachforschen blieb vergebens.«

»Der Mönch schleuderte ihn hinab in den Teufelsgrund. Fluch dem wahnsinnigen Brudermörder!«

Leise – leise ließ sich in dem Augenblick, als ich heftig diese Worte ausstieß, jenes Klopfen des gespenstischen Unholds aus dem Kerker hören. Vergebens suchte ich das Grausen zu bekämpfen, welches mich ergriff. Der Arzt schien so wenig das Klopfen als meinen inneren Kampf zu bemerken. Er fuhr fort: »Was? ... Hat der Mönch Ihnen gestanden, daß auch Viktorin durch seine Hand fiel?« – »Ja! ... Wenigstens schließe ich aus seinen abgebrochenen Äußerungen, halte ich damit Viktorins Verschwinden zusammen, daß sich die Sache wirklich so verhält. Fluch dem wahnsinnigen Brudermörder!« –es und stöhnte und ächzte; ein feines Lachen, das durch die Stube pfiff, klang wie: Medardus! ... Medardus ... Hi ... hi ... hi hilf! – Der Arzt, ohne das zu bemerken, fuhr fort:

»Ein besonderes Geheimnis scheint noch auf Franceskos Herkunft zu ruhen. Er ist höchstwahrscheinlich dem fürstlichen Hause verwandt. So viel ist gewiß, daß Euphemie die Tochter ...«

Mit einem entsetzlichen Schlage, daß die Angeln zusammenkrachten, sprang die Tür auf, ein schneidendes Gelächter gellte herein: »Ho ho ... Ho ... ho, Brüderlein!« schrie ich wahnsinnig auf: »Hoho ... hierher ... Frisch, frisch, wenn du kämpfen willst mit mir ... Der Uhu macht Hochzeit; nun wollen wir auf das Dach steigen und ringen miteinander, und wer den andern herabstößt, ist König und darf Blut trinken.« – Der Leibarzt faßte mich in die Arme und rief: »Was ist das? Was ist das? Sie sind krank ..., in der Tat, gefährlich krank. Fort, fort, zu Bette!« –

Aber ich starrte nach der offenen Türe, ob mein scheußlicher Doppeltgänger nicht hereintreten werde, doch ich erschaute nichts und erholte mich bald von dem wilden Entsetzen, das mich gepackt hatte mit eiskalten Krallen. Der Leibarzt bestand darauf, daß ich kränker sei, als ich

Seiten