Ungekürztes Werk "Die Elixiere des Teufels" von E. T. A. Hoffmann (Seite 41)
mit der Stimme, deren vollen Klang die Liebe dämpfte, daß sie weich und lieblich zu mir herübertönte. – »Bist du recht fromm und gut gewesen?« Ach, was konnte ich ihr antworten? – Frevel auf Frevel habe ich gehäuft, dem Bruch des Gelübdes folgte der Mord! – Von Gram und Reue zerfleischt, sank ich halb ohnmächtig auf die Knie, Tränen entstürzten meinen Augen. Erschrocken sprang der Alte auf mich zu und frug heftig: »Was ist Ihnen, was ist Ihnen, mein Herr?« – »Das Bild der Äbtissin ist meiner, eines grausamen Todes gestorbenen Mutter so ähnlich«, sagte ich dumpf in mich hinein und suchte, indem ich aufstand, soviel Fassung als möglich zu gewinnen. »Kommen Sie, mein Herr!« sagte der Alte. »Solche Erinnerungen sind zu schmerzhaft, man darf sie vermeiden, es ist noch ein Porträt hier, welches mein Herr für sein bestes hält. Das Bild ist nach dem Leben gemalt und unlängst vollendet, wir haben es verhängt, damit die Sonne nicht die noch nicht einmal ganz eingetrockneten Farben verderbe.« – Der Alte stellte mich sorglich in das gehörige Licht und zog dann schnell den Vorhang weg. – Es war Aurelie! – Mich ergriff ein Entsetzen, das ich kaum zu bekämpfen vermochte. – Aber ich erkannte die Nähe des Feindes, der mich in die wogende Flut, der ich kaum entronnen, gewaltsam hineindrängen, mich vernichten wollte, und mir kam der Mut wieder, mich aufzulehnen gegen das Ungetüm, das in geheimnisvollem Dunkel auf mich einstürmte. –
Mit gierigen Blicken verschlang ich Aureliens Reize, die aus dem in regem Leben glühenden Bilde hervorstrahlten. – Der kindlich milde Blick des frommen Kindes schien den verruchten Mörder des Bruders anzuklagen, aber jedes Gefühl der Reue erstarb in dem bittern feindlichen Hohn, der, in meinem Innern aufkeimend, mich wie mit giftigen Stacheln hinaustrieb aus dem freundlichen Leben. – Nur das peinigte mich, daß in jener verhängnisvollen Nacht auf dem Schlosse Aurelie nicht mein geworden. Hermogens Erscheinung vereitelte das Unternehmen, aber er büßte mit dem Tode! – Aurelie lebt, und das ist genug, der Hoffnung Raum zu geben, sie zu besitzen! – Ja, es ist gewiß, daß sie noch mein wird, denn das Verhängnis waltet, dem sie nicht entgehen kann; und bin ich nicht selbst dieses Verhängnis?
So ermutigte ich mich zum Frevel, indem ich das Bild anstarrte. Der Alte schien über mich verwundert. Er kramte viele Worte aus über Zeichnung, Ton, Kolorit, ich hörte ihn nicht. Der Gedanke an Aurelie, die Hoffnung, die nur aufgeschobene böse Tat noch zu vollbringen, erfüllte mich so ganz und gar, daß ich forteilte, ohne nach dem fremden Maler zu fragen und so vielleicht näher zu erforschen, was für eine Bewandtnis es mit den Gemälden haben könne, die wie in einem Zyklus Andeutungen über mein ganzes Leben enthielten. – Um Aureliens Besitz war ich entschlossen alles zu wagen, ja es war mir, als ob ich selbst, über die Erscheinungen meines Lebens gestellt und sie durchschauend, niemals zu fürchten und daher auch niemals zu wagen haben könne. Ich brütete über allerlei Pläne und Entwürfe, meinem Ziele näher zu