Ungekürztes Werk "Die Elixiere des Teufels" von E. T. A. Hoffmann (Seite 93)

Herr, wie schwer es der deutschen Zunge wird, meinen konsonantenreichen Namen nachzusprechen, und darin liegt die Ursache, warum ich ihn, sowie ich nach Deutschland kam, wegwarf und mich bloß nach meinem Vornamen, Leonard, nannte. Übrigens kann keines Menschen Lebenslauf einfacher sein als der meinige. Mein Vater, selbst ziemlich unterrichtet, billigte meinen entschiedenen Hang zu den Wissenschaften und wollte mich eben nach Krakau zu einem ihm verwandten Geistlichen, Stanislaw Krczynski, schicken, als er starb. Niemand bekümmerte sich um mich, ich verkaufte die kleine Habe, zog einige Schulden ein und begab mich wirklich mit dem ganzen mir von meinem Vater hinterlassenen Vermögen nach Krakau, wo ich einige Jahre unter meines Verwandten Aufsicht studierte. Dann ging ich nach Danzig und nach Königsberg. Endlich trieb es mich wie mit unwiderstehlicher Gewalt, eine Reise nach dem Süden zu machen; ich hoffte, mich mit dem Rest meines kleinen Vermögens durchzubringen und dann eine Anstellung bei irgendeiner Universität zu finden, doch wäre es mir hier beinahe schlimm ergangen, wenn nicht ein beträchtlicher Gewinn an der Pharobank des Fürsten mich in den Stand gesetzt hätte, hier noch ganz gemächlich zu verweilen und dann, wie ich es im Sinn hatte, meine Reise nach Italien fortzusetzen. Irgend etwas Ausgezeichnetes, das wert wäre, erzählt zu werden, hat sich in meinem Leben gar nicht zugetragen. Doch muß ich wohl noch erwähnen, daß es mir leicht gewesen sein würde, die Wahrheit meiner Angaben ganz unzweifelhaft nachzuweisen, wenn nicht ein ganz besonderer Zufall mich um meine Brieftasche gebracht hätte, worin mein Paß, meine Reiseroute und verschiedene andere Skripturen befindlich waren, die jenem Zweck gedient hätten.« – Der Richter fuhr sichtlich auf, er sah mich scharf an und frug mit beinahe spöttischem Ton, welcher Zufall mich denn außerstande gesetzt hätte, mich, wie es verlangt werden müßte, zu legitimieren.

»Vor mehreren Monaten«, so erzählte ich, »befand ich mich auf dem Wege hierher im Gebirge. Die anmutige Jahreszeit sowie die herrliche, romantische Gegend bestimmten mich, den Weg zu Fuße zu machen. Ermüdet saß ich eines Tages in dem Wirtshause eines kleinen Dörfchens; ich hatte mir Erfrischungen reichen lassen und ein Blättchen aus meiner Brieftasche genommen, um irgend etwas, das mir eingefallen, aufzuzeichnen; die Brieftasche lag vor mir auf dem Tische. Bald darauf kam ein Reiter dahergesprengt, dessen sonderbare Kleidung und verwildertes Ansehen meine Aufmerksamkeit erregte. Er trat ins Zimmer, forderte einen Trunk und setzte sich, finster und scheu mich anblickend, mir gegenüber an den Tisch. Der Mann war mir unheimlich, ich trat daher ins Freie hinaus. Bald darauf kam auch der Reiter, bezahlte den Wirt und sprengte, mich flüchtig grüßend, davon. Ich stand im Begriff, weiterzugehen, als ich mich der Brieftasche erinnerte, die ich in der Stube auf dem Tische liegengelassen; ich ging hinein und fand sie noch auf dem alten Platz. Erst des andern Tages, als ich die Brieftasche hervorzog, entdeckte ich, daß es nicht die meinige war, sondern daß sie wahrscheinlich dem Fremden gehörte, der gewiß aus Irrtum die meinige eingesteckt hatte. Nur einige mir unverständliche Notizen und mehrere an einen Grafen Viktorin gerichtete Briefe befanden

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