Ungekürztes Werk "Die Elixiere des Teufels" von E. T. A. Hoffmann (Seite 100)

sich meine Fantasie, alles formte sich wie eine geründete Dichtung, und fester und fester spann sich das Gewebe endloser Lügen, womit ich dem Richter die Wahrheit zu verschleiern hoffte.

Die Burgglocke hatte zwölfe geschlagen, als sich wieder leise und entfernt das Pochen vernehmen ließ, das mich gestern so verstört hatte. Ich wollte darauf nicht achten, aber immer lauter pochte es in abgemessenen Schlägen, und dabei fing es wieder an, dazwischen zu lachen und zu ächzen. – Stark auf den Tisch schlagend, rief ich laut: »Still ihr da drunten!« und glaubte mich so von dem Grauen, das mich befing, zu ermutigen; aber da lachte es gellend und schneidend durch das Gewölbe und stammelte: »Brü-der-lein, Brü-der-lein ... zu dir her-auf ... herauf! Ma-mach auf .... mach auf!« – Nun begann es dicht neben mir im Fußboden zu schaben, zu rasseln und zu kratzen, und immer wieder lachte es und ächzte; stärker und immer stärker wurde das Geräusch, das Rasseln, das Kratzen – dazwischen dumpf dröhnende Schläge wie das Fallen schwerer Massen. Ich war aufgestanden, mit der Lampe in der Hand. Da rührte es sich unter meinem Fuß, ich schritt weiter und sah, wie an der Stelle, wo ich gestanden, sich ein Stein des Pflasters losbröckelte. Ich erfaßte ihn und hob ihn mit leichter Mühe vollends heraus. Ein düstrer Schein brach durch die Öffnung, ein nackter Arm mit einem blinkenden Messer in der Hand streckte sich mir entgegen. Von tiefem Entsetzen durchschauert, bebte ich zurück. Da stammelte es von unten herauf: »Brü-der-lein! Brü-der-lein, Medardus ist da-da herauf ... Nimm, nimm! ... Brich ... brich ... in den Wa-Wald ... in den Wald!« – Schnell dachte ich Flucht und Rettung; alles Grauen überwunden, ergriff ich das Messer, das die Hand mir willig ließ, und fing an, den Mörtel zwischen den Steinen des Fußbodens emsig wegzubrechen. Der, der unten war, drückte wacker herauf. Vier, fünf Steine lagen zur Seite weggeschleudert, da erhob sich plötzlich ein nackter Mensch bis an die Hüften aus der Tiefe empor und starrte mich gespenstisch an mit des Wahnsinns grinsendem, entsetzlichem Gelächter. Der volle Schein der Lampe fiel auf das Gesicht – ich erkannte mich selbst – mir vergingen die Sinne.– Ein empfindlicher Schmerz an den Armen weckte mich aus tiefer Ohnmacht! – Hell war es um mich her, der Kerkermeister stand mit einer blendenden Leuchte vor mir, Kettengerassel und Hammerschläge hallten durch das Gewölbe. Man war beschäftigt, mich in Fesseln zu schmieden. Außer den Hand- und Fußschellen wurde ich mittels eines Ringes um den Leib und einer daran befestigten Kette an die Mauer gefesselt. »Nun wird es der Herr wohl bleibenlassen, an das Durchbrechen zu denken«, sagte der Kerkermeister. – »Was hat denn der Kerl eigentlich getan?« frug ein Schmiedeknecht. »Ei«, erwiderte der Kerkermeister, »weißt du denn das nicht, Jost? ... Die ganze Stadt ist ja davon voll. 's ist ein verfluchter Kapuziner, der drei Menschen ermordet hat. Sie haben's schon ganz heraus. In wenigen Tagen haben wir große Gala, da werden die Räder spielen.« –

Ich hörte nichts mehr, denn aufs

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