Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 115)

kennen, welche nicht nur mit dem Talente spielen, sondern auch mit Lust arbeiten kann. Ich freute mich mit andern auf die höheren Klassen, welche wir bald antreten sollten, und wir warfen hoffnungsvolle Blicke in die wohlbestellten und geordneten Sammlungen, auf die mannigfaltigen Mittel, die jenen zu Gebote standen, auf das gesetzte und selbständigere Wesen, das dann seinen Anfang nehmen sollte. Ich fühlte die Wichtigkeit und nötige Fruchtbarkeit der nächsten Jahre; zu welchem Lebensberufe ich mich dann entscheiden würde, darüber konnte ich mir noch keine Rechenschaft geben. Denn auch insofern war die Anstalt vortrefflich geschaffen, daß gegen das Ende ihrer Studien, mitten aus ihr heraus, mit vollem Überblicke man sich einen Entschluß fassen konnte, ja mußte, wer nicht durch früh ausgesprochene Neigung schon bestimmt war. Nur zwei Richtungen drängten sich deutlicher vor meine Augen und spielten unbestimmt ineinander. Es war der große Zeichnungssaal mit seinen vielen Gipsabgüssen, schönen Kunstvorlagen und dem ganzen künstlerischen Treiben darin, und anderseits die tiefere und ausführlichere Behandlung der Sprache, das Lesen und Erklären von Schriftstellern verschiedener Zungen, worauf ich mich freute und welche ich ganz zu benutzen mir vornahm. Allein zwischen der Zukunft und der Gegenwart lag noch eine tiefe und breite Kluft.

Es lehrte an unserer Schule ein Mann, welcher mit wahrer Herzensgüte und ehrlichem Sinne eine große Unerfahrenheit, mit der Jugend umzugehen, und ein schwächliches und seltsames Äußeres verband. Er hatte in dem Kampfe, welcher den Umschwung der Dinge und besonders das erneute Schulwesen herbeiführte, tapfer mitgewirkt und war in der konservativen Stadt als ein leidenschaftlicher Liberaler verschrien. Wir Knaben waren allzumal gute Aristokraten, mit Ausnahme derer, die vom Lande kamen. Auch ich, obgleich meines Ursprunges halber auch ein Landmann, aber in der alten Stadt geboren, heulte mit den Wölfen und dünkte mich in kindischem Unverstande glücklich, auch ein städtischer Aristokrat zu heißen. Meine Mutter politisierte nicht, und sonst hatte ich kein nahestehendes Vorbild, welches meine unmaßgeblichen Meinungen hätte bestimmen können. Ich wußte nur, daß die neue radikale Regierung einige alte Türme und Mauerlöcher vertilgt hatte, welche Gegenstand unserer besonderen Zuneigung gewesen, und daß sie aus verhaßten Landleuten und Emporkömmlingen bestand.

Gleich beim Beginne der neuen Schulen, als der ungeschickte Lehrer seine Tätigkeit mit vieler Gemütlichkeit antrat, brachte ein Schüler, der Sohn eines fanatischen Stadtbürgers, mit wichtigen Worten die Nachricht unter uns, wie der Lehrer geschworen hätte, uns Aristokratenkinder mit eiserner Rute zu bändigen. Er war nämlich in einer Gesellschaft aufmerksam gemacht worden, wie er es teilweise mit einer durch altes Herkommen übermütigen und ausgelassenen Stadtjugend zu tun haben würde, worauf er antwortete, er werde mit den Bürschlein schon fertig zu werden wissen. Auf obige Weise dargestellt, wurde diese Rede nun, wahrscheinlich nicht ohne Zutun der Alten, unter unsere verstandlose Masse geworfen und sie begann sogleich zu wirken. Wir nahmen den Handschuh auf, die Verwegensten eröffneten einen geordneten Widerstand und ein leichtes Geplänkel des Unfugs. Schon dies verwirrte ihn, und anstatt mit Sarkasmen und ruhiger, überlegener Entschiedenheit die Angreifer zurückzuwerfen, rückte er sogleich mit seiner Hauptmacht und dem schweren Geschütze vor, indem er jeden kleinen Mutwillen,

Seiten