Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 134)

Meute weit voraus und im Gehölze verschwunden, aber kaum begannen wir die Höhe hinanzusteigen, so hörten wir sie über uns anschlagen und in voller Jagd am Berge hinziehen, daß die Schluchten widerhallten. Meinem Oheim lachte das Herz, er zog mich vorwärts und behauptete, wir müßten rasch nach einer kleinen Waldwiese eilen, um das Tier zu sehen; doch auf dem Wege horchte er auf und änderte die Richtung, indem er rief: »Es ist bei Gott ein Fuchs! dorthin müssen wir gehen, schnell, pst!« Kaum hatten wir einen schmalen Pfad betreten, welcher neben einem trockenen Waldbache hinlief, zwischen zwei bewachsenen Abhängen, als er mich plötzlich anhielt und lautlos vorwärts wies, ein rötlicher Streif schoß still über Weg und Schlucht, herab, hinauf, und eine Minute nachher heulten die sechs Hunde hinterdrein, rasend, toll! »Hast du ihn gesehen?« sagte der Oheim, so vergnügt, als ob er am Vorabend seiner Hochzeit stände; dann fuhr er fort: »Sie haben ihn verloren, doch in jenem Schlag müssen sie notwendig ein Häschen auftun! Wir wollen vollends hier hinaufgehen!« Wir gelangten auf eine kleine Hochebene, welche ein von der sinkenden Sonne gerötetes Haferfeld enthielt, umsäumt von stillglühenden Föhren. Hier hielten wir an und stellten uns am Rande auf, in wohligem Schweigen, unfern eines verwachsenen Weges, der ins Dunkle führte. Wir mochten so eine Viertelstunde gewartet haben, als das Gebell in großer Nähe plötzlich wieder begann und mein Oheim mich anstieß. Zugleich bewegte sich der Hafer vor uns, er flüsterte: »Was Teufel ist denn da los?« und es erschien eine riesenhafte Bauernkatze, welche uns ansah und davonschlich. In großem Zorne rief der geistliche Herr: »Du vermaledeite Bestie, was hast denn du hier zu schaffen? Da sieht man, wo die jungen Hasen hinkommen! Wart, ich will dir jagen helfen!« und er schleuderte ihr einen mächtigen Stein nach. Sie sprang wieder mitten in den Hafer hinein, indessen die Hunde an uns vorüberbrausten und mein zorniger Oheim ganz verblüfft sagte: »Da! nun haben wir den Hasen nicht gesehen!« Die Hunde waren ebenfalls im Haferfelde verschwunden, auch war es still geworden und wir bemerkten nur, daß fünfzig Schritte von uns eine große Bewegung darin herrschte, und zugleich sahen wir dort sechs vergnügte Hundeschwänze über den Halmen wedeln. »Sie haben entweder die Katze oder ein armes junges Häschen!« rief mein Führer. Wir begaben uns nach der Stelle und entdeckten beides. Die Katze hatte das zarte Tierchen erschnappt, nicht ahnend, daß es sechs Hunde hinter sich habe, und diese zerrissen sie in selbem Augenblicke samt ihrem Opfer. Wir hatten genug zu tun, mit unseren Stöcken den Knäuel auseinander zu treiben. Mein Oheim war verdrießlich über den Verlust des Hasen und er tröstete sich nur mit dem Tode der unbefugt jagdliebenden Katze.

»Genug für heute«, sagte er, und steckte das Häschen in seine weite Rocktasche, »da wir einmal unwillkürlich Wilddiebe sind, so wollen wir das Ding morgen braten! Nun laß uns noch da vornenhin gehen, wo du das Hochgebirge sehen kannst, dem du jetzt ein bißchen ferner gerückt bist.«

Am entgegengesetzten Rande des hohen Feldes, wo die Föhren sich

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