Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 166)

ich ohnehin getan hätte, da mir jede dieser Gestalten ihres ausgeprägten Lebens und Schicksales wegen auffallen mußte. Manchmal war eine noch hohe und kraftvolle alte Frau darunter, welche aufrecht heranschritt und mit Seelenruhe auf mich sah, dann folgte aber gleich wieder ein gebeugtes Mütterchen, welche an ihrem eigenen Leiden dasjenige der Geschiedenen zu kennen und zu schätzen schien. Doch wurden die Frauen immer jünger und in gleichem Verhältnisse mehrte sich die Zahl; die Stube war nun vollständig mit dunklen Gestalten angefüllt, die sich herbei­drängten, Weiber von vierzig und dreißig Jahren, voll Beweglichkeit und Neugierde, die verschiedenen Leidenschaften und Eigentümlichkeiten waren kaum durch die gleichmachende Trauerhaltung verschleiert. Der Andrang schien kein Ende nehmen zu wollen; denn nicht nur das ganze Dorf, sondern auch viele Frauen aus der Umgegend waren erschienen, weil die Großmutter eines großen Ruhmes unter ihnen genoß, der, zum Teil verjährt, jetzt noch einmal in vollem Glanze sich geltend machte. Endlich wurden die Hände glätter und weicher, das jüngste Geschlecht zog vorüber und ich war schon ganz mürbe und müde, als meine Basen herzutraten, mir aufmunternd und freundlich die Hand boten, und gleich hinter ihnen, wie ein Himmelsbote, die allerliebste Anna, welche, blaß und aufgeregt, mir flüchtig das Händchen reichte und schimmernde Tränen darüber fallen ließ. Weil ich seltsamerweise gar nicht an sie gedacht und auf sie gehofft hatte, schwebte sie mir jetzt umso überraschender und reizender vorüber, wie ein Bild aus glücklicheren Räumen.

Zuletzt erschöpfte sich doch die Frauenwelt und wir traten vor das Haus, wo eine unabsehbare Schar bedächtiger Männer harrte, um mit uns, die wieder eine Reihe bildeten, den gleichen Gebrauch vorzunehmen. Sie machten es zwar bedeutend kürzer und rascher als ihre Weiber, Töchter und Schwestern, allein dafür gebrauchten sie ihre schwieligen harten Hände wie Schmiedezangen und Schraubstöcke, und aus mancher Faust brauner Ackermänner glaubte ich meine Hand nicht mehr heil zurückzuziehen.

Endlich schwankte der Sarg vor uns her, die Weiber schluchzten und die Männer sahen bedenklich und verlegen vor sich nieder, der Geistliche erschien auch und machte seine Würde geltend, und ohne viel zu wissen, wie es zugegangen, sah ich mich endlich an der Spitze des langen Zuges auf dem Kirchhofe und dann in die kühle Kirche versetzt, welche von der Gemeinde ganz angefüllt wurde. Ich hörte nun mit Verwunderung und Aufmerksamkeit den ursprünglichen Familiennamen, die Abstammung, das Alter, den Lebenslauf und das Lob der Großmutter von der Kanzel verkünden und stimmte von Herzen in das Versöhnungs- und Ruhelied, welches zum Schlusse gesungen wurde. Als ich aber die Schaufeln klingen hörte vor der Kirchentür, drängte ich mich hinaus, um in das Grab zu schauen. Der einfache Sarg lag schon darin, viele Menschen standen umher und weinten, die Schollen fielen hart auf den Deckel und verbargen ihn allmählich, ich sah erstaunt hinein und kam mir fremd und verwundert vor, und die Tote in der Erde erschien mir auch fremd und ich fand keine Tränen. Erst als es mir durch den Sinn fuhr, daß es die leibliche Mutter meines Vaters gewesen, und an meine Mutter dachte, welche einst auch

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