Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 180)

unverschämten, aber gut meinenden Zutraulichkeit des letzten Sommers vor die runden, körperlichen und sonnebeleuchteten Gegenstände der Natur, sondern mit einer weit gefährlicheren und selbstgefälligen Borniertheit. Denn was mir nicht klar war oder zu schwierig erschien, das warf ich, mich selbst betrügend, durcheinander und verhüllte es mit einer unseligen Pinselgewandtheit, da ich, anstatt bescheiden mit dem Stifte anzufangen, sogleich mit den angewöhnten Tuschschalen, Wasserglas und Pinsel hinausging und bestrebt war, gleich ganze Blätter in allen vier Ecken bildartig anzufüllen. Die Bäume waren noch unbelaubt und ich hätte daher Gelegenheit gefunden, einstweilen den Bau ihrer Stämme, Äste und Zweige, die Verschiedenheit und Anmut im Verlaufe derselben zu beobachten und mir einzuprägen; statt dessen aber zog ich es vor, solche Gegenstände zu wählen, welche jetzt schon ein Ganzes vorstellten, und geriet deshalb an die schwierigsten und für jetzt zwecklosesten Dinge. Ich ergriff entweder ganze Aussichten mit See und Gebirgen oder ging im Walde den Bergbächen nach, wo ich eine Menge kleiner und hübscher Wasserfälle fand, welche sich ansehnlich zwischen vier Striche einrahmen ließen. Das lebendige, geistige und zarte Spiel des Wassers im Fallen, Schäumen und eiligen Weiterfließen, seine Durchsichtigkeit und tausendfältige Widerspiegelung ergötzte mich, aber ich bannte es in die plumpen und renommistischen Formeln meiner lächerlichen Virtuosität, daß Leben und Glanz verloren gingen, indessen nicht meine Mittel, ja nicht einmal die Materialien hinreichten, das bewegliche Wesen wiederzugeben. Leichter hätte ich die mannigfaltigen und schönen Steine und Felstrümmer der Bäche, in reicher Unordnung übereinander geworfen, beherrschen können, wenn nicht mein künstlerisches Gewissen verdunkelt gewesen wäre. Wohl regte sich dieses oft mahnend, wenn ich perspektivische Feinheiten und Verkürzungen der Steine, trotzdem daß ich sie sah und fühlte, überging und verhudelte, statt den bedeutenden Linien nachzugehen, mit der Selbstentschuldigung, daß es auf diese oder jene Fläche nicht ankomme und die zufällige Natur ja wohl auch so aussehen könnte, wie ich sie nachbildete; allein die ganze Weise meines Arbeitens ließ solche Gewissensbisse nicht zur Geltung kommen, und der Meister, wenn ich ihm meine Machwerke vorzeigte, war nicht darauf eingerichtet, der fehlenden Naturwahrheit nachzuspüren, die sich gerade in den vernachlässigten Zügen hätte zeigen sollen, sondern er beurteilte die Sachen immer von seiner Stubenkunst aus.

Abgesehen von seinem Grundsatze der Reinlichkeit und Durch­sichtigkeit des Vortrages, hegte er, in Beziehung auf inneren Gehalt, nur noch eine einzige Tradition, welche er in seinem Geschäfte zwar nicht selbst anwandte, als zu luxuriös und unpraktisch, die er aber mir zu überliefern für angemessen hielt, nämlich die des Sonderbaren und Krankhaften, was mit dem Poetischen oder Malerischen und Genialen verwechselt wurde. Er wies mich an, hohle, zerrissene Weidenstrünke, verwitterte Bäume und abenteuerliche Felsgespenster aufzusuchen mit den bunten Farben der Fäulnis und des Zerfalles, und pries mir solche Dinge als interessante Gegenstände an. Dies sagte mir sehr zu, indem es meine Phantasie reizte, und ich begab mich eifrig auf die Jagd nach solchen Erscheinungen. Doch die Natur bot sie mir nur spärlich, sich einer volleren Gesundheit erfreuend als mit meinen Wünschen verträglich war, und was ich an unglücklichem Gewächse vorfand, das wurde meinen überreizten Augen bald

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