Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 269)
gehen, wie du es denkst, und vielleicht auch mit Anna nicht; das alles wirst du schon sehen; ich sage dir nur, daß du später froh sein sollst, wenn du zu mir gekommen bist!« – »Nie komme ich wieder!« rief ich etwas heftig – »Bst! nicht so laut«, sagte sie; dann sah sie mir ernsthaft in die Augen, daß ich trotz Sturm und Dunkelheit die ihrigen glänzen sah, und fuhr fort: »Wenn du mir nicht heilig und auf deine Ehre versprichst, daß du wieder kommen willst, so nehm ich dich sogleich wieder mit, nehme dich zu mir ins Bett und du mußt bei mir schlafen! Das schwöre ich bei Gott!« Es kam mir gar nicht in den Sinn, über diese Drohung zu lachen oder dieselbe zu verachten; vielmehr versprach ich, so schnell ich konnte, in Judiths Hand, daß ich wieder kommen wollte, und eilte davon. Ich lief darauf zu, ohne zu wissen wohin; denn der strömende Regen tat mir wohl; so war ich bald aus dem Dorfe und auf eine Höhe gekommen, auf welcher ich weiter ging. Der Morgen graute und warf ein schwaches Licht in das Unwetter; ich machte mir die bittersten Vorwürfe und fühlte mich ganz zerknirscht, und als ich plötzlich zu meinen Füßen den kleinen See und des Schulmeisters Haus erblickte, kaum erkennbar durch den grauen Schleier des Regens und der Dämmerung, da sank ich erschöpft auf den Boden und brach gar jämmerlich in Tränen aus. Es regnete immerfort auf mich nieder, die Windstöße fuhren und pfiffen durch die Luft und heulten erbärmlich in den Bäumen, ich weinte dazu, was nur die Augen fassen mochten; seltsamerweise machte ich niemandem Vorwürfe als mir selbst und dachte nicht daran, der Judith irgend eine Schuld beizumessen. Ich fühlte mein Wesen in zwei Teile gespalten und hätte mich vor Anna bei der Judith und vor Judith bei der Anna verbergen mögen. Ich gelobte aber, nie wieder zur Judith zu gehen und mein Versprechen zu brechen; denn ich empfand ein grenzenloses Mitleid mit Anna, die ich in der grauen feuchten Tiefe zu meinen Füßen jetzt so still schlafend wußte. Endlich raffte ich mich auf und stieg wieder ins Dorf hinunter; der Rauch stieg aus den Schornsteinen und kroch in wunderlichen Fetzen durch den Regen, ich sann etwas gefaßter darüber nach, was ich im Hause meines Oheims über mein nächtliches Ausbleiben vorgeben wolle. Ich wollte sagen, ich hätte mich verirrt und sei die ganze Nacht umhergestreift. Dies war seit den kritischen Knabenjahren das erste Mal, wo ich zu einem eigennützigen Zwecke wieder lügen mußte; mehrere Jahre hindurch hatte ich nicht mehr gewußt, was lügen sei, und diese Entdeckung machte mir vollends zu Mute, als ob ich aus einem schönen Garten hinaus gestoßen würde, in welchem ich eine Zeit lang zu Gast gewesen.
Dritter Band
Erstes Kapitel
Ich schlief fest und traumlos bis zum Mittag; als ich erwachte, wehte noch immer der warme Südwind und es regnete in einem fort. Ich sah aus dem Fenster und erblickte das Tal auf und nieder, wie Hunderte von Männern