Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 345)

aber folgten die Alten, um den ehrwürdigen Hans Sachs gesellet; dieser stellte sich dar in dunkelfarbigem Pelzmantel, ehrbar und stattlich wie ein wohlgelungenes Leben und doch mit dem Sonnenschein ewiger Jugend um das weiße Haupt. Das junge Weib mit voller Brust und rundem Leib, wie Goethe sang, hatte ihm gezeigt:

»Der Menschen wunderliches Weben,

Ihr Wirren, Suchen, Stoßen und Treiben,

Schieben, Reißen, Drängen und Reiben,

Wie kunterbunt die Wirtschaft tollert,

Der Ameishauf durcheinander kollert! –

Unter dem Himmel allerlei Wesen,

Wie ihrs möcht in sein'n Schriften lesen.«

Welcher auch das alte Weiblein zu ihm gleiten sah:

»Man nennet sie Historia,

Mythologia, Fabula.

Sie ist rumpfet, strumpfet, bucklet und krumb,

Aber eben ehrwürdig darumb« –

auch welcher tat einen Narren spüren

»mit Bocks- und Affensprüngen hofiren;«

welchem endlich stieg

»auf einer Wolke Saum

Herein zu 's Oberfensters Raum

Die Muse, heilig anzuschaun

Wie'n Bild unsrer lieben Fraun.

Die umgibt ihn mit ihrer Klarheit,

Immer kräftig wirkender Wahrheit.«

Und obgleich hier der Sängergreis ganz erschien, wie ihn sein wackerer Schüler Puschmann beschrieben:

»In dem Saal stund unecket

bedecket

ein Tisch mit Seiden grüne,

am selben saß

ein Alt Mann, was

Grau und weiß, wie ein Taub dermaß,

der hett ein'n großen Bart fürbas;

in ein'm schönen großen Buch las

mit Gold beschlagen schön;«

so verstand der Darsteller doch sein Urbild so wohl, daß man ihm noch ansah, was Goethe wieder sang:

»Ein holdes Mägdlein sitzend warten

Am Bächlein beim Holunderstrauch;

Mit abgesenktem Haupt und Aug

Sitzts unter einem Apfelbaum

Und spürt die Welt rings um sich kaum;

Hat Rosen in ihr'n Schoß gepflückt

Und bindet ein Kränzlein gar geschickt

Mit hellen Knospen und Blättern drein.

Für wen mag wohl das Kränzel sein? –

– Wie er den schlanken Leib umfaßt,

Von aller Müh er findet Rast;

Wie er ins runde Ärmlein sinkt,

Neue Lebenstäg und Kräfte trinkt. –

– So wird die Liebe nimmer alt

Und wird der Dichter nimmer kalt.«

So ging er jetzt im Schmucke des Alters und der Poesie daher, ein großes Buch tragend.

Aber das bürgerliche Lied war dazumal so reich und überquellend, daß es mit jeder Meisterschaft unzertrennlich war und hauptsächlich auch unter dem Banner der nun folgenden Baderzunft hinter Schermesser und Bartbecken herging. Da war unter den kränzegeschmückten Gesellen Hans Rosenplüt, genannt der Schnepperer, der vielgewanderte Schalks- und Wappendichter; ein krummbuckliger munterer Gesell mit einer großen Klistierspritze im Arm. Mit langen Schritten folgte diesem der hochbeinige magere Hans Foltz von Worms, der berühmte Barbier und Dichter der Fastnachtsspiele und Schwänke und als solcher Genoß des Rosenplüt und Vorzünder des Hans Sachs. Zwei Bartscherer und ein Schuhmacher pflegten so das zarte Schoß des deutschen Theaters.

Liederreich waren alle die alten Zünfte, die jetzt folgten in ihren bestimmten Farben an Kleid und Banner; die Schäffler und Brauer, die Metzger, welche in rotem und schwarzem, mit Fuchspelz verbrämten Zunftgewande höchst tüchtig aussahen, sowie die hechtgrauen und weißen Bäcker; die Wachszieher, lieblich in Grün, Rot und Weiß und die berühmten Lebküchler, hellbraun mit Dunkelrot gekleidet; die unsterblichen Schuster, schwarz und grün, in die Farbe des Peches und der Hoffnung gehüllt; buntflickig die Schneider; die Damast- und Teppichwirker, bei welchen das Künstlichere den Anfang nahm und schon meisterliche Namen aufzeichnete; denn diese webten und wirkten die fürstlichen Teppiche und Tücher, mit denen die Häuser der großen Kaufherren und Patrizier angefüllt waren.

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