Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 360)
der in seinem Hubertusgewande sehr wohl aussah und sich mit sicherem Anstande betrug. Er hatte einige kostbare Brillanten, Zeichen seines holländischen Reichtumes, in Ringen und Spangen angelegt, und die reiche Rosalie benahm sich gegen ihn mit der heiteren Ungezwungenheit, welche die gesicherten Reichen gegenseitig zu üben pflegen. Sie lachte, scherzte und strahlte von freundlichem Liebreiz, indem sie gegen alle sich hold und froh zeigte, gegen Ferdinand aber ihre Unwissenheit beklagte und bedauerte, welche sie so lange von den wahrhaft frohen und klugen Kreisen der Künstler ferngehalten habe und sie selbst jetzt nur ihre Freude, nicht aber den Ernst ihrer Arbeit verstehen lasse. Sie drückte sich aber mit so artigen und klugen Worten aus, daß Ferdinand von ihrem naiven, anmutigen Geiste entzückt wurde und immer weniger seine Blicke von ihr wandte oder von ihrer Seite wich. Es wehte ein süßer Hauch der Frauenhaftigkeit ihn an, wenn sie lächelte und sprach, und der Stern in ihren Locken glänzte wirklich wie der Stern der Venus.
Er fühlte eine Fesselung aller Sinne, welche ihn alles andere vergessen und alles Trachten auf das reizende Weib richten ließ, von dem sie ausging, als ob sonst kein Heil in Zeit und Ewigkeit zu finden wäre. Bei den meisten Männern ist dies ein vorübergehendes inneres Begehren, eine rasche, allmählich verwehende Aufwallung des Denkens, die hundertmal entsteht und hundertmal verschwindet. Ferdinand war aber einer von denen, welche, in allen anderen Dingen klar und besonnen, in diesem einen Punkte die Verblendung und Aufwallung mit schrankenloser und unverhüllter Selbstsucht kundgeben. Rosalie lieh seiner beredten Aufmerksamkeit ein williges Ohr und blickte ihn dabei mit großem Wohlwollen an, nur zuweilen einen flüchtigen, aber zufriedenen Blick auf die prachtvoll und mächtig geformte Gestalt Eriksons werfend, wenn er vorüberging, so daß dieser mit der Wahl seines Kostümes sich ausgesöhnt, wenn er diese Blicke gesehen hätte. Er ließ aber den Unmut nicht über sich Herr werden, sondern betrug sich gleichmütig und stolz, und nur wenn sein Blick denjenigen Rosaliens traf, sah er sie mit großen fragenden Augen an.
Agnes hatte schon lange stumm neben Heinrich gesessen; sie wiegte trauernd, und den Busen von ungestümem Schmerze bewegt, das schwarzgelockte Haupt auf den schmalen Silberschultern, und nur zuweilen schoß sie einen flammenden Blick zu Ferdinand und Rosalien hinüber, zuweilen sah sie verwundert und wehmütig hin, aber immer sah sie dasselbe Schauspiel.
Heinrich, welcher aus Ferdinands Betragen nicht klug wurde, indem ihm eine solche Unmittelbarkeit des Wechsels und unter solchen Umständen doch nicht glaubhaft schien, versank in tiefes Sinnen. Die vergangene Zeit kam über ihn, und indem er an die bemalte Decke des Saales emporsah, erinnerte er sich jener Fastnacht, wo er unter dem freien Himmel der Heimat, auf luftigen Bergen, unter Vermummten sich umgetrieben oder neben der toten Anna durch den Wald geritten. Er verfiel mehr und mehr auf das Andenken dieses guten Mädchens, und eine große Verliebtheit erfüllte ihn, wie er sie lange nicht empfunden.
Ein tiefer Seufzer weckte ihn auf, welchen die silberne Agnes neben ihm tat, und sogleich schlossen sich seine Empfindungen, die aus dem Schattenreiche gleich Abendnebeln aufgestiegen,