Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 365)

müde, vielmehr neugierig und begierig, erst recht in den glänzenden Becher des Lebens zu schauen. Das klare Licht, das Land, die Leute, der Gesang umwirkten ihn seltsam. Als alle die Hundert auf den närrischen Einfall eines einzelnen plötzlich auf die Bäume geklettert waren und wie ein großer Schwarm fremder, farbiger Vögel in den kahlen Ästen saßen, blieb er, nachdem sie voll Gelächter hinabgesprungen, in Gedanken auf einer schwanken Birke sitzen; denn er verwunderte sich, wie nun das ganze Wesen in die Runde gleich einer stillen weiten Ferne um ihn war und die Rufe und Lieder selbst wie über eine weite See her klangen, auch die Gestalten wirr und traumhaft sich bewegten. Es war einer jener Augenblicke, wo die Zeit eine Minute still zu stehen scheint und man von aller Außenwelt losgelöst endlich sich selbst sieht, fühlt und bemerkt. Es fiel ihm auf, daß er nun schon bei fünf und sechs Jahren zurückzählen konnte, ohne aus dem Bereiche des bewußten, reifenden Alters zu geraten; er fühlte zum ersten Male die Flucht des Lebens. Er war nun zweiundzwanzig Jahre alt; plötzlich kam es ihm in den Sinn, daß er in seiner Wohnung diese und jene kleine Gegenstände besaß, ein Pappdeckelchen, eine Schachtel oder gar etwas, das an Spielzeug grenzte, welche unmittelbar aus der Kinderzeit stammten und die er in fortwährendem Gebrauche um sich gehabt, ohne sich dessen inne zu sein.

Er sah deutlich ihre Gestalt, kleine Beschädigungen, und erinnerte sich, wo und wann er sie verfertigt, ein Stückchen Papier abgerissen oder mit dem Federmesser daran gekritzelt hatte.

Sogleich glaubte er vom Baume herunterspringen, nach Hause laufen und die unschuldigen Sachen vernichten zu müssen. Denn sie kamen ihm nun ganz unerträglich vor. Er sah auch seine Jugendgeschichte vor Augen, ihren Einband, den er selbst verfertigt, das Geschreibsel, alles würde er sogleich zerrissen und vernichtet haben, wenn er es in Händen gehabt hätte.

Alles Vergangene erschien ihm töricht, dumpf und beschämend, auch erinnerte er sich genau aller Dummheiten, die er gemacht, sogar solcher, die er im Kinderröckchen begangen, und er fühlte sich rot werden über alle, weil er sich jetzt unendlich klug und gereift vorkam. Auch nahm er sich vor, von diesem Augenblicke an ganz klug zu sein und durchaus nichts Törichtes mehr anzustellen.

Aber alles dies geschah mit reißender Schnelligkeit in wenig Augenblicken, und er ließ sich, schon von anderen Gedanken ergriffen, von der Birke herunter, als eben Erikson aus der Stadt herangeschritten kam.

Ihr erstes Gespräch war das Benehmen Ferdinands. Erikson sagte nicht viel, während Heinrich mit großer Beredsamkeit sein Erstaunen ausdrückte, wie jener ein solches Wesen, wie Agnes sei, also behandeln könne. Er ergoß sich in den bittersten Tadel, und umso lauter, als er selbst in das schöne Kind verliebt war und sein Gewissen ihm sagte, daß das nichts weniger als in der Ordnung sei.

Erikson hörte nicht viel darauf, sondern sagte: »Ich will wetten, daß er das arme Ding heute sitzen läßt und nicht mitbringt. Wir sollten ihm aber einen Streich spielen, damit er zur Vernunft kommt. Nimm einen der Wagen, fahre in die Stadt und

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