Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 378)

zuvorzukommen.

»Das ist eine schöne Geschichte!« rief er, »ist das nun deine größte Heldentat? Ein unerfahrenes Mädchen berauscht zu machen? Wahrhaftig, ich habe das arme Kind guten Händen übergeben!«

»Übergeben! Verlassen, verraten willst du sagen!« rief Heinrich und übergoß nun seinen Freund mit einer Flut der bittersten Vorwürfe.

»Ist es denn so schwer«, schloß er, »seinen Neigungen einen festen Halt zu geben und gerade dadurch die Gesamtheit der Weiber recht zu lieben und zu ehren, daß man einer treu ist? Denn es ist ja doch eine wie die andere und in der einen hat man alle!«

Ferdinand hatte sich indessen aus den Dornen losgewickelt; er sah nun aus wie ein zerzauster und gerupfter Vogel. Da er sah, daß er Heinrich nicht einschüchtern konnte, ergab er sich und sagte ruhig, indem sie weitergingen: »Laß mich zufrieden, du verstehst das nicht!«

Heinrich brauste auf und rief: »Lange genug habe ich mir eingebildet, daß in deiner Sinnes- und Handlungsweise etwas liege, was ich mit meiner Erfahrung nicht übersehen und beurteilen könne! Jetzt aber sehe ich nur zu deutlich, daß es die trivialste und nüchternste Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit ist, welche dich treibt, so leicht erkennbar als verabscheuenswert. O wenn du wüßtest, wie tief dich diese Art entstellt und befleckt und allen denen weh tut, welche dich kennen und achten, du würdest aus eben dieser Selbstsucht heraus dich ändern und diesen häßlichen Makel von dir tun!«

»Ich sage noch einmal«, erwiderte Lys, »du verstehst das nicht! Und das ist deine beste Entschuldigung in meinen Augen für deine unziemlichen Reden! Nun, du Tugendheld! Ich will dich nicht an deine Jugendgeschichte erinnern, die du so artig aufgeschrieben hast, erstens um dein Vertrauen nicht zu mißbrauchen, und zweitens, weil dir nach meiner Ansicht aus derselben wirklich nichts vorzuwerfen ist. Denn du hast getan, was du nicht lassen konntest, du tust es jetzt, und du wirst es tun, solange du lebst –«

»Halt«, sagte Heinrich, »ich hoffe wenigstens, daß ich immer weniger das tue, was ich lassen kann, und daß ich zu jeder Zeit etwas lassen kann, das schlecht und verwerflich ist, sobald ich es nur erkenne!«

»Du wirst zu jeder Zeit«, erwiderte Ferdinand kaltblütig, »das lassen, was dir nicht angenehm ist!«

Heinrich wollte ihn ungeduldig nochmals unterbrechen, allein Lys übersprach ihn und fuhr fort: »Angenehm oder unangenehm aber ist nicht nur alles Sinnliche, sondern auch die moralischen Hirngespinste sind es. So bist du jetzt sinnlich verliebt in das eigentümliche Mädchen, dessen absonderliche Gestalt und Art die äußersten Sinne reizt, wie ich nun an mir einsehe; dies ist dir angenehm; aber weil du wohl merkst, daß du dabei kein rechtes Herz hast, nicht in deinem eigentlichen Sinne liebst, so verbindest du mit jenem Reiz noch die moralische Annehmlichkeit, dich für das schmale Wesen ins Zeug zu werfen und den uneigennützigen Beschützer zu machen. Wisse aber, wenn du einen Funken eigentlicher Leidenschaft verspürtest, so würdest und müßtest du allein darnach trachten, deinen Schützling meinem Bereiche ganz zu entziehen und dir anzueignen. Du hast aber die wahre Leidenschaft noch nie gekannt, weder in meinem noch in deinem Sinne. Was du

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