Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 400)
Namen seines liberalen und generösen Gottes jedes Fleckchen Welt einzuräumen, das sich selbst bewirtschaften konnte, und er gab sich redlich Mühe, ein festes Bewußtsein von solcher freien Notwendigkeit oder notwendigen Freiheit zu gewinnen, nicht zweifelnd, daß alles zur größeren Ehre Gottes geschehe wie des Menschen, dessen Ehre mit der größeren Selbständigkeit und Verantwortlichkeit wachsen mußte.
Er suchte sich daher auch außer den anthropologischen Stunden so gut als möglich zu unterrichten, und wie er z. B. durch die Lehre vom Auge zum ersten Male veranlaßt wurde, sich in das Wesen des Lichtes einen Blick zu verschaffen, dadurch in die unendlichen Räume der Außenwelt geführt ward und von da wieder in den selbstbewußten Punkt seines eigenen sehenden Auges zurückkehrte, so geschah es noch in manch anderer Hinsicht, und alles das ohne zu große Mühe noch Zeitaufwand. Die Ergebnisse der wahren Wissenschaft haben die gute Eigenschaft, daß sie sich auf den ersten Blick von allem Phantastischen und Willkürlichen unterscheiden und in kürzerer oder längerer Zeit zum überzeugenden festen Lehrsatz eignen ohne fortwährende Probe ihres besonderen Rechenexempels. Der Satz, daß die Erde sich um die Sonne bewegt, wird in allen Kinderschulen gelehrt, und die Kinder nehmen ihn in ihr Wissen auf, ohne die physikalische Untersuchung seines Beweises anzustellen, während sie für ein einziges religiöses Dogma bis zu ihrer Mündigwerdung mit allem katechetischen Apparate unterwiesen werden, ohne am Ende mehr zu wissen als am Anfange und ohne wider den Zweifel geschützt zu sein. Noch nie hat es einen Krieg gegeben wegen verschiedener Meinungen über Naturgesetze, weil ihre Art friedfertig, rein und genügend ist, und es gelang den Theologen nicht einmal, eine wehrbare Sekte für die stehende Erde oder zum Schutze der mosaischen Schöpfungsgeschichte auf die Beine zu bringen; Religionskriege aber wird es geben, solange es Priester, Dogmen und Bekenntnisse gibt. Im Kleinen schaut man diesen Vorgang alle Tage; hat jemand eine gute Wahrheit oder Tatsache geäußert, und sie wird ihm angezweifelt, so fällt es ihm nicht ein, darüber aufgebracht zu werden und sich ins Zeug zu werfen; wenn derselbe Mensch aber eine Sache erzählt oder vorgibt, von der er doch nicht so recht überzeugt und überführt ist, so wird er alsobald in die größte Hitze geraten und Ehre, Gut und Leben verpfänden, am liebsten aber demjenigen gleich an den Kragen gehen, der ihm einen Zweifel entgegensetzt. Wenn ein Bauersmann sagt: Ich habe das Korn besehen; es ist reif! der Nachbar aber erwidert: Ich glaube nicht, daß es reif ist! so wird er ruhig sprechen: Das ist Eure Sache! Ich halt' es für reif und werde es schneiden! Wenn derselbe Bauer aber sagt: Ich sah vergangene Nacht einen Geist auf meinem Markstein sitzen, und der Nachbar spricht: Das ist nicht möglich, denn es gibt keine Geister! so wird der Bauer einen großen Lärm erheben, erstlich weil man ihm abstreitet, was er mit eigenen Augen gesehen haben will, zweitens weil man die Geister leugnet, und endlich weil man infolgedessen wohl gar nicht an ein »anderes Leben« und an eine Wiedervergeltung nach dem Tode glaubt. Ja, er wird deswegen