Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 430)

hatte. Obgleich er dies vorausgewußt, so war er doch ganz verblüfft darüber und noch mehr, als er nun klar fühlte, daß er unmöglich jetzt von neuem borgen könne; denn teils wußte er nun bestimmt, daß er neue Schulden nicht mehr bezahlen könne, teils widerstrebte es ihm, nach Verlauf einiger Tage abermals bei denen anzuklopfen, die er soeben befriedigt hatte, kurz auf einmal verließ ihn alle die Herrlichkeit, Weisheit und Gewandtheit, der Schleier fiel von der dürren Lage der Dinge, und er ergab sich ganz demütig und geduldig dem Gefühle der nackten Armut. Als der Mittag kam, ging er aus in alter Gewohnheit, verbarg sich aber vor allen Bekannten; er kehrte wieder in seine Wohnung, und als der Abend kam, war er doch höchlich verwundert, nichts gegessen zu haben an diesem Tage. Als aber der nächste Tag ebenso verlief und es ihn anfing tüchtig zu hungern, erinnerte er sich plötzlich der weisen Tischreden seiner Mutter, wenn er als kleiner Junge das Essen getadelt hatte und sie ihm dann vorhielt, wie er einst vielleicht froh sein würde, nur solches Essen zu haben. Das erste Gefühl, was er hierbei empfand, war ein Gefühl der Achtung vor der ordentlichen Regelmäßigkeit und Folgerichtigkeit der Dinge, wie alles so schön eintreffe; und in der Tat ist nichts so geeignet, den notwendigen und gründlichen Weltlauf recht einzuprägen, als wenn der Mensch hungert, weil er nichts gegessen hat, und nichts zu essen hat, weil er nichts besitzt, nichts besitzt, weil er sich nichts erworben hat. An diesen einfachen und unscheinbaren Gedankengang reihen sich dann von selbst alle weiteren Folgerungen und Untersuchungen, und Heinrich, indem er nun in seiner Einsamkeit vollständige Muße hatte und von keiner irdischen Nahrung beschwert war, überdachte sein Leben und seine Sünden, welche jedoch, da der Hunger ihn unmittelbar zum Mitleid mit sich selbst stimmte, mehr als die Sättigung, welche manche übermütige und geistreiche Aszese hervorbringt, noch ziemlich glimpflich ausfielen. Im ganzen befand er sich nicht sehr trübselig; die Einsamkeit tat ihm eher wohl und das Hungern verwunderte ihn immer aufs neue, während er in des Königs Gärten auf abgelegenen sonnigen Pfaden spazierte oder durch die belebte Stadt nach Hause ging; auch wunderte es ihn, daß ihm das niemand ansah und ihn niemand befragte, ob er gegessen habe? worauf er sich sogleich antwortete, daß dies sehr gesetzmäßig der Fall sei, da es niemanden was anginge und er sich auch nichts ansehen lasse, woran sich denn wieder weitere Gedanken knüpften. Am dritten Tage, als er begann sich wirklich schwächer zu fühlen und eine bedenkliche Mattigkeit in den Füßen sich kundgab, kam ihm dies erst lächerlich vor; dann aber begann er ängstlich zu werden, und als er sich zum dritten Mal ungegessen ins Bett legen mußte, ward es ihm höchst weinerlich und ärgerlich zu Mute und er gedachte, durch den in seiner Schwäche rumorenden Leib gemahnt, sehnlich und bitterlich seiner Mutter, nicht besser als ein sechsjähriges Mädchen, das sich verlaufen hat. Wie er aber an die Geberin seines Lebens dachte, fiel ihm auch der höchste Schutzpatron und

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