Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 466)

Stückchen altes Wachstuch, das auch noch in dem Koffer lag und dem man es ansah, daß es ebenfalls um und um gekehrt worden, und entfernte sich mit diesem Päcklein aus dem Hause, indes die Leute höhnisch hinter ihm nachschalten.

Ohne einen Pfennig in der Tasche, ohne etwas zu sich zu nehmen, ging er mit einbrechender Nacht aus dem Tore und schlug die Straße nach der Heimat ein. Er dachte nichts anderes, als unaufhaltsam und auf jede Weise zu gehen und zu gehen, wie er ging und stand, bis er dort angekommen. Denn nun dünkte ihn, daß sein Geschick die zur Rückkehr notwendige klare und fertige Form angenommen habe, und da er nicht mit erfüllten Hoffnungen wiederkehren konnte, kehrte er doch in dem ernsten heiligen Bettlerleide eines gänzlich Obdachlosen und Hilfesuchenden und zeigte so wenigstens eine bestimmte Gestalt und Gewandung dem mitlebenden Geschlechte und nahm einen erkennbaren Rang in demselben ein. Dies war nichts weniger als etwa Trotz und Hohn, sondern er hielt es aufrichtig für ein kostbares und erlösendes Gut, und das Wie war ihm gleichgültig, wenn nur das Geschick für einmal erfüllt war. Ja der Augenblick, wo er in voller Demut und mit der reichen Erfahrung von Not und Abhängigkeit unter das Dach der Mutter treten würde, erschien ihm als das süßeste Glück und kaum zu erwarten, und er schätzte jeden Schritt, den er auf der nächtlichen Straße tat, mit einem Seufzer nach dem Maß und Wert, in welchem er ihn seinem Ziele näher brachte.

Achtes Kapitel

Aber er lernte erst jetzt die allerursprünglichsten menschlichen Zustände kennen. Er war auf dem Dampfwagen angekommen vor Jahren und seitdem nach dieser Seite hin kaum über das Weichbild der Stadt hinausgelangt und hatte sich um die Lage der Ortschaften und um das Straßennetz nicht gekümmert. Bald stieß er in der Dunkelheit auf den Eisenbahndamm, welcher die Landstraße durchschnitt; ein später Zug brauste vorüber, der in fliegender Eile an das gleiche Ziel führte, welches Heinrich zu erreichen strebte, und wehmütig sah er die dröhnende Wagenburg in der nächtlichen Ferne verschwinden. Jetzt teilte sich die Straße in zwei fast gleich große Zweige, und da er den Unterschied wegen der Nacht nicht bemerkte, folgte er dem etwas schmäleren Zweige; nach einer Stunde wiederholte sich der gleiche Irrtum, indem die Straße sich abermals in eine unmerkliche kleinere abzweigte, und endlich war Heinrich, auf einem schmalen holprigen Fahrweg gehend, weit seitwärts von der Heerstraße und in das Innere des alten Landes geraten. Er ging über dunkle Höhen, durch Gehölze, über Feld- und Wiesenfluren, an Dörfern vorüber, deren schwache Umrisse oder matte Lichter weit vom Wege lagen; er begegnete einzelnen unkenntlichen Menschen, welche ihn ebensowenig erkennen mochten und behutsam grüßten oder auch schweigend vorbeigingen. Aber er fragte niemanden nach dem Wege, da er einen näheren Ort in der Richtung nach der Schweiz nicht zu nennen wußte, und nach der letzteren am wenigsten fragen mochte in der Überzeugung, daß die Frage, so tief im fremden Lande, auf nächtlichen Wegen an herumdämmernde Landleute gerichtet, vollkommen zwecklos und töricht erscheinen, ja sogar bedenklich

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