Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 485)
mache mir nicht viel daraus, Männer zu küssen!«
»Ei sieh da!« rief der stattliche Mann, »Sie schlaues Bürschchen! Aber trotz alledem müssen Sie mich doch ein bißchen wohl leiden, ich verlange es!«
»O gewiß sag' ich Ihnen«, erwiderte Heinrich, mit schüchternen und doch zutulichen Worten; »ich kann Sie gar nicht genug ansehen, so sehr gefallen Sie meinen Augen und meinem Herzen!« Und er sah ihn dabei wirklich mit glänzenden Augen an.
»Nun denn«, sagte der Graf mit feinem und gerührtem Lächeln, »so müssen Sie durchaus geküßt sein zur Besiegelung unseres guten Einvernehmens!« Er umarmte Heinrich und küßte ihn herzlich, und dieser küßte ihn, sein leises Sträuben aufgebend, herzhaft und seine Augen füllten sich mit salzig heißem Wasser, da er endlich einen solchen älteren Männerfreund gefunden nach langem Irrsal. Denn über einen rechten Mann scheint die Welt wieder gelungen, recht und hoffnungsvoll zu sein. Schweigend sah er den Grafen an und dieser schwieg auch eine Weile; dann drückte Heinrich die Augen in das Kissen und suchte sie verstohlen zu trocknen, sagte aber dann: »Es geht mir recht närrisch! Als ich ein Schuljunge war, war nichts imstande, mir Tränen zu entlocken, und ich galt für einen verstockten Burschen; seit ich groß geworden bin, ist der Teufel alle Augenblick los und höchstens bring' ich es zu einem oder zwei gänzlich trockenen Jahrgängen!«
Der Graf nahm seine Hand und sprach: »Gedulden Sie sich noch ein paar Jährchen und dann wird es vorbei sein und standhaftes trockenes Sommerwetter werden. Es ging mir gerade so vor zwanzig und dreißig Jahren und reut mich noch heute nicht! Doch nun stehen Sie auf, ziehen sich an und frühstücken. Wissen Sie was! Ich werde es hierher bestellen, und Sie erzählen mir wie es Ihnen ergangen, das heißt Sie liefern mir eine förmliche Fortsetzung der Jugendgeschichte.«
Während Heinrich sich ankleidete und frühstückte, begann er zu erzählen und zündete dazu, als er mit Essen fertig war, eine gute Zigarre an, wie auch der Graf eine solche rauchte. Heinrich erzählte und beichtete mit Lust und frohem Mut, mit Härte und Schärfe, bald mutwillig, bald traurig, bald schnell und feurig, dann wieder langsam und bedenklich, und tat seinem Wesen nicht den mindesten Zwang an, ohne eine Unschicklichkeit zu sagen, oder wenn er eine solche sagte, so fühlte er es sogleich und verbesserte sich ohne großen Kummer; denn was aus einem schicklichen Gemüte kommt, ist leicht zu ertragen, und sein Zuhörer, obgleich er ein älterer Mann war, verbreitete nichts als Freiheit und Sicherheit um sich. Er war jung mit dem Jungen, ohne den Wert seiner Jahre zu verbergen, leicht beweglich und anmutig, doch mit dem Gewichte eines Mannes, der gelebt und gedacht hat und fest steht, wo er steht. Er hörte geläufig und aufmerksam zu, ohne ängstliche Spannung, und ließ sich ansehen, daß der Erzähler bei ihm zu Hause war und verstanden wurde mit feinem Sinne, auch wenn er ein Wort überhört hatte. Auch gab er sein Verständnis nicht mit Ausrufen und Wortstellungen zu erkennen, sondern hörte ebenso leicht und zwanglos, wie ihm erzählt wurde, und Heinrich konnte im