Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 505)

Wenn wir uns aber weiter umsehen, so finden wir mit Vergnügen, wie die Extreme sich berühren und im Umwenden eines ins andere umschlagen kann. Da ist Ludwig Feuerbach, der bestrickende Vogel, der auf einem grünen Aste in der Wildnis sitzt und mit seinem monotonen, tiefen und klassischen Gesang den Gott aus der Menschenbrust wegsingt! Glaubt man nicht ihn zu hören, wenn wir die Verse lesen:

Ich bin so groß als Gott, Er ist als ich so klein:

Er kann nicht über mich, ich unter Ihm nicht sein.«

»Ferner:

Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nun kann leben,

Werd ich zunicht, er muß vor Not den Geist aufgeben.«

»Auch dies:

Daß Gott so selig ist und lebet ohn Verlangen,

Hat er sowohl von mir als ich von ihm empfangen.«

»Und wie einfach wahr findet man das Wesen der Zeit besungen, wenn man das Sinngedichtchen liest: ›Man muß sich überschwenken.‹

Mensch! wo du deinen Geist schwingst über Ort und Zeit,

So kannst du jeden Blick sein in der Ewigkeit.«

»Besonders aber dies: ›Der Mensch ist Ewigkeit.‹

Ich selbst bin Ewigkeit, wenn ich die Zeit verlasse

Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse.«

»Alles dies macht beinahe vollständig den Eindruck, als ob der gute Angelus nur heute zu leben brauchte und er nur einiger veränderter äußerer Schicksale bedürfte, und der kräftige Gottesschauer wäre ein ebenso kräftiger und schwungvoller Nichtschauer und Feuerbachianer!«

»Das wird mir denn doch zu bunt«, schrie der Pfarrer, »aber Sie vergessen nur, daß es zu Schefflers Zeiten denn doch auch schon Denker, Philosophen und besonders auch Reformatoren gegeben hat und daß, wenn eine kleinste Ader von Verneinung oder liberaler Humanität in ihm gewesen wäre, er schon vollkommen Gelegenheit gehabt hätte, sie auszubilden!«

»Sie haben recht!« erwiderte Heinrich, »aber nicht ganz in Ihrem Sinne. Was ihn abgehalten hätte und wahrscheinlich noch heute abhalten würde, ist der Gran von Frivolität und Geistreichigkeit, mit welcher sein glühender Mystizismus versetzt ist; diese kleinen Elementchen würden ihn bei aller Energie des Gedankens auch jetzt noch im mystischen Lager festhalten!«

»Frivolität!« rief der Pfarrer, »immer besser! Was wollen Sie damit sagen?«

»Auf dem Titel«, versetzte Heinrich, »benennt der fromme Dichter sein Buch mit dem Zusatz: Geistreiche Sinn- und Schlußreime. Allerdings bedeutet das Wort geistreich im damaligen Sprachgebrauch etwas anderes als heutzutage; wenn wir aber das Büchlein aufmerksam durchgehen, so finden wir, daß es in der Tat auch im heutigen Sinne etwas allzu geistreich und zu wenig einfach ist, so daß jene Bezeichnung jetzt wie eine ironische, aber richtige Vorbedeutung erscheint. Dann sehen Sie aber die Widmung an, die Dedikation an den lieben Gott, worin der Mann seine hübschen Verse Gott dediziert, indem er ganz die Form nachahmt, selbst im Drucke, in welcher man dazumal großen Herren ein Buch zu widmen pflegte, selbst mit der Unterschrift: Sein Allezeit sterbender Johannes Angelus. Betrachten Sie den bitterlich ernsten Gottesmann, den heiligen Augustinus, und gestehen Sie aufrichtig: trauen Sie ihm zu, daß er ein Buch, worin er das Herzblut seines religiösen Gefühles ergossen, mit solch einer witzelnden, affektierten Dedikation versehen hätte? Glauben Sie überhaupt, daß es demselben möglich gewesen wäre, ein so kokettes Büchlein zu

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