Ungekürztes Werk "Der Schuß von der Kanzel" von Conrad Ferdinand Meyer (Seite 124)
den nächtlichen Gang nicht – so wenig, daß sie, nachdem der Sieche sich ihrer Tröstungen erfreut, statt das Angesicht wieder der Brücke und ihrem Kloster zuzuwenden, auf dunkeln, aber ihr wohlbekannten Straßen in der Richtung weiter eilte, aus welcher ihr die Lichter des Schlosses Riedberg entgegenschimmerten.
Schon klopfte sie ans Tor, das der alte Lukas ihr brummend aufschloß, und bald darauf saß sie neben der edeln Herrin in einem altertümlich schmucklosen, aber lieblich erleuchteten Gemache vor einem herbstlichen Kaminfeuer und trocknete die vom Nachttaue durchnäßten Ränder ihres Klostergewandes, die schweigsame Lukretia mit erbaulichen Gesprächen ergötzend.
Das Schreiben des Paters, von dessen Überredungsgeist die Nonne eine hohe Meinung hatte, die flüchtige Erscheinung des Obersten vor der Klosterpforte, das glänzende Geldstück, das er der kleinen barfüßigen Botin gereicht, arbeiteten in ihrer frommen Einbildungskraft. Dies alles hatte sie, der Himmel weiß durch welche Gedankenverknüpfungen, bewogen, dem Fräulein unverzüglich einen nächtlichen Besuch abzustatten und diese Ereignisse haarklein zu erzählen. Der Oberst war, meinte sie, wie ein von Gewissensbissen gefolterter Kain um die Mauern der heiligen Zufluchtsstätte geirrt. Sie würde lobpreisen und anbeten, aber nicht erstaunen, wenn Gott hier ein großes Wunder vorbereitete, um diesen wütenden Feind des christkatholischen Glaubens, den Ketzern zum beschämenden Zeichen, in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückzuführen.
Da Lukretia nach ihrer stillen Weise nur mit einem traurigen Lächeln darauf antwortete, fuhr die fromme Schwester mit steigendem Eifer fort: »Bleibet, liebe Tochter, nicht kalt und ungläubig vor der glückseligen Aussicht auf die mögliche Bekehrung eines so gewaltigen Sünders! Betet lieber, daß dies Unerhörte geschehe! Denn Euer Gebet, Fräulein Lukretia, die Ihr den blutigen Mann nach dem natürlichen Menschen hassen und verabscheuen müßt, wäre allerdings bei den Heiligen besonders wirksam und ihnen als ein schmerzliches Opfer vorzüglich angenehm. Noch kräftiger wäre es freilich, wenn Ihr dieses Gebet als verlobte Braut Gottes mit einem durch das dreifache Gelübde von allen weltlichen Erinnerungen gelösten Herzen darbringen könntet.«
Schwester Perpetua sagte dies mit einem tiefen Seufzer und machte sich in Erwartung einer Antwort, die ausblieb, mit dem Feuer zu schaffen. Ach, ihr war nicht entgangen, daß der klösterliche Beruf Lukretias, an den sie unentwegt glaubte, dieser noch immer nicht klargeworden, ja seit die Verwaiste in ihr väterliches Haus eingezogen, ihr wieder mehr in die Ferne gerückt war. Sie stand allein unter dem in diesen kriegerischen Zeitläuften verwilderten Schloßgesinde und den verarmten, über die französische Bedrückung tägliche Klagen vor ihr Ohr bringenden Dorfleuten. Und diese Einsamkeit tat ihr offenbar nicht wohl. Da war Lukas, der rachsüchtige Graubart, der das schwarze Kreuz an der Mordmauer nicht erblassen ließ und der das immer scharf gehaltene Todesbeil wie eine Reliquie in einer wurmstichigen Eichentruhe sorgfältig verwahrt hielt. Das Fräulein mußte, fürchtete die Schwester, immer tiefer in sich selbst und die ihr Gemüt von allen Seiten umrankenden, jeden neuen Lebenskeim erstickenden Erinnerungen versinken. Sie konnte den Riß nicht überwinden, der altes und neues für sie trennte. Sie lebte wenig in der Wirklichkeit, sondern verkehrte im Geiste mit ihrem toten Vater, von dessen Gemütsart sie viel geerbt hatte und dem sie mit jedem Jahre in