Ungekürztes Werk "Der Schuß von der Kanzel" von Conrad Ferdinand Meyer (Seite 126)

das einer Toten! – Und sie vergaß, daß sie selbst ihn drohend beschworen, die Schwelle ihres Hauses nimmermehr zu überschreiten. –

»Heilige Mutter Gottes, was ist das für ein Lärm!« fuhr jetzt Schwester Perpetua auf, denn im Schloßzwinger erscholl ein rasendes Gebell der Hofhunde. Man hörte das Schelten der sie beschwichtigenden Knechte, dazwischen wiederholte Schläge gegen das Tor und, als Lukretia das Fenster öffnete, eine mit langsamer Bedenklichkeit geführte Unterhandlung zwischen Lukas und der gebieterischen Stimme eines Einlaß Begehrenden.

Nun erschien der Alte selber mit der bestürztesten Miene, deren seine felsenharten Züge fähig waren. »Es verlangt einer allein mit Euch zu reden, Fräulein …« sagte er, »der Oberst Jenatsch, den Gott strafe!« – setzte er leiser und mit innerer Empörung hinzu.

Lukretia stand groß und bleich. Sie hatte die Stimme vor dem Hoftore am ersten Laute erkannt.

»Laß ihn nicht warten! Führe ihn hieher!« befahl sie dem Alten, der sie fragend ansah und nur zögernd gehorchte.

Die Nonne hatte sich erhoben und eine still beobachtende Stellung in der tiefen Fensternische eingenommen. Dort lag auf der Bank ihr Nachtmantel; sie strich ihn zurecht, aber legte ihn nicht um.

Rasche Schritte näherten sich, und Georg Jenatsch stand vor Lukretia mit entschlossenem, freudigen Antlitze und grüßte sie als Bekannte, doch mit großer Ehrerbietung.

Schwester Perpetua betrachtete mit einem Ausdrucke frommer Einfalt, aber den schärfsten Blicken ihrer halbgeschlossenen Augen, die beiden großen Gestalten – und sie wunderte sich.

Kein Kainszeichen war auf der hohen offenen Stirn des Obersten zu entdecken, und – merkwürdig – die Planta stand neben ihm mit strahlenden Augen, kühn und trotzig, wie einst Herr Pompejus geblickt, und schien zur Höhe ihres gewaltigen Feindes emporzuwachsen.

Das von Perpetua sehnlich erwartete Gespräch jedoch begann nicht. Die Schloßherrin richtete das Wort an Lukas, der mit drohender Miene an der Türe stehengeblieben war: »Die fromme Schwester begehrt nach Haus. Die Nacht ist dunkel und der Weg weit. Begleite sie mindestens bis jenseits der baufälligen Rheinbrücke.« Und damit nahm das Fräulein von Perpetua herzlichen Abschied.

So stand die Schwester, ehe sie sich dessen versah, am Hoftore, Lukas aber entzündete eine Pechfackel und schritt mit der rauchenden Leuchte vor ihr her in die Nacht hinaus. »Jetzt schickt sie mich weg«, murrte er, hörbar, als wollte er es der frommen Schwester klagen, »und es wäre gerade der rechte Ort und Augenblick!«

Als Jenatsch mit dem Fräulein allein war und ihm gegenüber am Feuer saß, begann er mit kurzen, klaren Worten:

»Ihr seid gerechtermaßen erstaunt, Lukretia, daß ich das Haus Eures Vaters betrete. Doch ich weiß, Ihr traut mir zu, daß ich nicht gekommen bin, Euch zu verwirren mit Wünschen, die ich in meinem geheimsten Herzen gefangen halte – sonst hättet Ihr mich nicht in den wiederhergestellten Burgfrieden von Riedberg eingelassen. – Und doch komme ich, etwas von Euch zu verlangen – einen großen Dienst, den Ihr mir leisten werdet, wenn Ihr unser Land so liebhabt, wie ich von Euch glaube und wie ich selbst es liebe; denn an meiner Statt müßt Ihr handeln. – Ich schließe ein Bündnis mit Spanien. Dies ist unsere einzige Rettung. Richelieu verrät uns, und

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