Ungekürztes Werk "Der Schuß von der Kanzel" von Conrad Ferdinand Meyer (Seite 127)
der gute Herzog ist sein Spielzeug – ein schönes Scheinbild, womit der Gewissenlose uns täuscht und blendet. Aber wer knüpft das rettende Tau? – Ich selbst kann hier nicht fort, weil ich unser Volk zum Bewußtsein der über ihm schwebenden Gefahr aufwecken und den Herzog, den ich als Pfand behalte, mit Beweisen meiner Ergebenheit einschläfern muß … Ihr staunt, daß ich, Spaniens Feind, zu diesem Gifte greife! … Wundert Euch nicht. Wenn ich nicht meine Vergangenheit zerstöre und mein altes Ich von mir werfe, so kann ich nicht meines Landes Erlöser sein, und Bünden ist verloren. Serbelloni erwartet mich selbst oder einen, dem ich traue wie mir selber – wenn ich, sagt er, einen solchen kenne. – Ich traue nur Euch.«
Lukretia richtete den Blick mit zweifelnder Frage auf das von der Flamme beleuchtete, altbekannte Antlitz und las darin die höchste Spannung der Tatkraft und einen tödlichen Ernst.
»Ihr wißt, Jenatsch«, sagte sie, »welcher Partei mein Vater angehörte, wie und warum er starb. Ihr wißt, wie ich ihm glaubte und ihn liebte. Ich konnte mich nie mit Gedanken befreunden, die nicht die seinigen waren. So ist das französische Wesen – trotz der väterlichen Güte des Herzogs gegen mich Heimatlose – mir immer fern und fremd geblieben. Ich habe mich nie darin zurechtgefunden. Ihr aber seid von Spanien durch viele Blutschuld von alters her getrennt. Ihr, Jürg, verdankt dem guten Herzog das Leben und Euern Ruhm! Er hat Euch mit Vertrauen überschüttet, und Ihr kennt seinen herzlichen Willen gegen unsere Heimat – habt Ihr ihn denn nicht lieb? … Könnet Ihr – ich will glauben der Heimat zum Besten – immer nach Neuem greifen und, ohne daß Ihr daran untergehet, das alte Wesen wie eine Schlangenhaut abstreifen?«
»Was ist dir der Herzog, Lukretia!« rief er. »Wie magst du um einen Fremdling sorgen! Bist du noch so weichlichen Herzens nach allem, was du gelitten, nach allem, was ich selbst an dir und deinem Hause gefrevelt habe? … Schau um dich … in allen unsern Tälern Trümmer und Brandstätten! Soll hier nie Friede werden, nie Freiheit und Gesetz hierher zurückkehren? Der Herzog kann uns nicht herausziehen. Er will sein frommhochzeitlich Kleid nicht beflecken. Doch auch ich habe eine Rede Gottes für mich. Ich wölbe mir die Himmel – spricht der Herr –, den Spielraum der Erde aber überließ ich den Menschenkindern … Siehst du nicht, Lukretia, wie wir alle in diesen Bürgerkriegen Gebornen ein freches, schuldiges Geschlecht sind! … und ein unseliges. Dort hat der Bruder den Bruder erschlagen, und hier liegt trennend eine Leiche zwischen zweien, die sich lieben und angehören. Darum laß uns nicht kleiner sein als unser Los! Ich stehe am Steuer und lenke Bündens Schifflein durch die Klippen mit schon längst blutüberströmten Händen. – Nimm ein Ruder und hilf mir! Zweifle nur jetzt nicht an mir, hilf mir, Lukretia!« drang er in sie.
»Und was willst du, daß ich tun soll?« sagte die Bündnerin, und ihre Augen begannen unternehmend zu leuchten.
»Gehe nach Mailand«, fiel er rasch und freudig ein, »dort findest du den