Ungekürztes Werk "Der Schuß von der Kanzel" von Conrad Ferdinand Meyer (Seite 219)

unter die Arme: ›Wem hast du dein Gelübde gegeben, Mönch? Dir oder der Kirche?‹

›Natürlich beiden!‹ schrie der Alte erbost. ›Das sind verfluchte Spitzfindigkeiten! Nimm dich vor dem dort in acht, Söhnchen! Er will uns Vicedomini an den Bettelstab bringen!‹

Ohne Zorn legte Ezzelin die Rechte auf den Bart und schwur: ›Stirbt Vicedomini, so beerbt ihn der Mönch hier, sein Sohn, und stiftet – sollte das Geschlecht mit ihm erlöschen und wenn er mich und seine Vaterstadt lieb hat – ein Hospital von einer gewissen Ausdehnung und Großartigkeit, um welches uns die hundert Städte‹ – er meinte die Städte Italiens – ›beneiden sollen. Nun, Gevatter, da ich mich von dem Vorwurfe der Raubgier gereinigt habe, darf ich an den Mönch ein paar weitere Fragen richten? Du gestattest?‹

Jetzt packte den Alten ein solcher Ingrimm, daß er in Krämpfe fiel. Noch aber ließ er den Arm des Mönches, welchen er wieder ergriffen hatte, nicht fahren.

Isaschar näherte den vollen, mit einer stark duftenden Essenz gefüllten Löffel vorsichtig den fahlen Lippen. Der Gefolterte wendete mit einer Anstrengung den Kopf ab. ›Laß mich in Ruhe!‹ stöhnte er, ›du bist auch der Arzt des Vogts!‹ und schloß die Augen.

Der Jude wandte die seinigen, welche glänzend schwarz und sehr klug waren, gegen den Tyrannen, als flehe er um Verzeihung für diesen Argwohn.

›Wird er zur Besinnung zurückkehren?‹ fragte Ezzelin.

›Ich glaube‹, antwortete der Jude. ›Noch lebt er und wird wieder erwachen, aber nicht für lange, fürchte ich. Diese Sonne sieht er nicht untergehen.‹

Der Tyrann ergriff den Augenblick, mit Astorre zu sprechen, der um den ohnmächtigen Vater beschäftigt war.

›Stehe mir Rede, Mönch!‹ sagte Ezzelin und wühlte – seine Lieblingsgebärde – mit den gespreizten Fingern der Rechten in dem Gewelle seines Bartes. ›Wieviel haben dich die drei Gelübde gekostet, die du vor zehn und einigen Jahren, ich gebe dir dreißig‹ – der Mönch nickte – ›beschworen hast?‹

Astorre schlug die lautern Augen auf und erwiderte ohne Bedenken: ›Armut und Gehorsam nichts. Ich habe keinen Sinn für Besitz und gehorche leicht.‹ Er hielt inne und errötete.

Der Tyrann fand Wohlgefallen an dieser männlichen Keuschheit. ›Hat dir dieser hier deinen Stand aufgenötigt oder dich dazu beschwatzt?‹ lenkte er ab.

›Nein‹, erklärte der Mönch. ›Seit lange her, wie der Stammbaum erzählt, wird in unserm Hause von dreien oder vieren der letzte geistlich, sei es, damit wir Vicedomini einen Fürbitter besitzen oder um das Erbe und die Macht des Hauses zu wahren – gleichviel, der Brauch ist alt und ehrwürdig. Ich kannte mein Los, welches mir nicht zuwider war, von jung an. Mir wurde kein Zwang auferlegt.‹

›Und das dritte?‹ holte Ezzelin nach – er meinte das dritte Gelübde. Astorre verstand ihn.

Mit einem neuen, aber dieses Mal schwachen Erröten erwiderte er: ›Es ist mir nicht leicht geworden, doch ich vermochte es wie andere Mönche, wenn sie gut beraten sind, und das war ich. Von dem heiligen Antonius‹, fügte er ehrfürchtig hinzu.

Dieser verdienstvolle Heilige, wie ihr wisset, Herrschaften, hat einige Jahre bei den Franziskanern in Padua gelebt«, erläuterte Dante.

»Wie sollten wir nicht?« scherzte einer unter den Zuhörern. »Haben wir doch die Reliquie

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