Ungekürztes Werk "Der Schuß von der Kanzel" von Conrad Ferdinand Meyer (Seite 221)
ich wollte – Gott verzeihe mir die Sünde – der Vater erwachte nicht mehr, daß ich nicht hart gegen ihn sein muß! Hätte er nur schon die Zehrung empfangen!‹ Er küßte heftig die Wange des Ohnmächtigen, welcher darüber zur Besinnung kam.
Der wieder Belebte tat einen schweren Seufzer, hob die müden Augenlider und richtete aus dem grauen Gebüsche seiner hangenden Brauen einen Blick des Flehens auf den Mönch. ›Wie steht's?‹ fragte er. ›Was hast du über mich verhängt, Geliebtester? Himmel oder Hölle?‹
›Vater‹, bat Astorre mit bewegter Stimme, ›deine Zeit ist um! Dein Stündlein ist gekommen! Entschlage dich der weltlichen Dinge und Sorgen! Denke an die Seele! Siehe, deine Priester‹ er meinte die der Pfarrkirche – ›sind nebenan versammelt und harren mit den hochheiligen Sterbesakramenten.‹
Es war so. Die Türe des Nebengemaches hatte sich sachte geöffnet, aus demselben schimmerte schwaches, in der Tageshelle kaum sichtbares Kerzenlicht, ein Chor präludierte gedämpft und das leise Schüttern eines Glöckchens wurde hörbar.
Jetzt klammerte sich der Alte, der seine Knie schon in die kalte Flut der Lethe versinken fühlte, an den Mönch, wie weiland Sankt Petrus auf dem See Genezareth an den Heiland. ›Du tust es mir!‹ lallte er.
›Könnte ich! Dürfte ich!‹ seufzte der Mönch. ›Bei allen Heiligen, Vater, denke an die Ewigkeit! Laß das Irdische! Deine Stunde ist da!‹
Diese verhüllte Weigerung entzündete das letzte Leben des Vicedomini zur lodernden Flamme. ›Ungehorsamer! Undankbarer!‹ zürnte er.
Astorre winkte den Priestern.
›Bei allen Teufeln‹, raste der Alte, ›laßt mich zufrieden mit eurem Geknete und Gesalbe! Ich habe nichts zu verspielen, ich bin schon ein Verdammter und bliebe es mitten im himmlischen Reigen, wenn mein Sohn mich mutwillig verstößt und meinen Lebenskeim verdirbt!‹
Der entsetzte Mönch, durch dieses graue Lästern im Tiefsten erschüttert, sah seinen Vater unwiderruflich der ewigen Unseligkeit anheimfallen. So meinte er und war fest davon überzeugt, wie ich es an seiner Stelle auch gewesen wäre. Er warf sich vor dem Sterbenden in dunkler Verzweiflung auf die Knie und flehte unter stürzenden Tränen: ›Herr, ich beschwöre Euch, habet Erbarmen mit Euch und mit mir!‹
›Laß den Schlaukopf seiner Wege gehen!‹ raunte der Tyrann. Der Mönch vernahm es nicht.
Wieder gab er den erstaunten Priestern ein Zeichen und die Sterbelitanei wollte beginnen.
Da kauerte sich der Alte zusammen wie ein trotziges Kind und schüttelte das graue Haupt.
›Laß den Arglistigen seine Straße ziehen!‹ mahnte Ezzelin lauter. ›Vater, Vater!‹ schluchzte der Mönch und seine Seele zerfloß in Mitleid.
›Erlauchter Herr und christlicher Bruder‹, fragte jetzt ein Priester mit unsicherer Stimme, ›seid Ihr in der Verfassung, Euern Schöpfer und Heiland zu empfangen?‹ Der Alte schwieg.
›Steht Ihr fest im Glauben an die heilige Dreifaltigkeit? Antwortet mir, Herr!‹ fragte der Geistliche zum andern Male und wurde bleich wie ein Tuch, denn: ›Geleugnet und gelästert sei sie!‹ rief der Sterbende mit starker Stimme, ›gelästert und –‹
›Nicht weiter!‹ schrie der Mönch und war aufgesprungen. ›Ich bin Euch zu Willen, Herr! Machet mit mir, was Ihr wollt! Nur daß Ihr Euch nicht in die Flammen stürzet!‹
Der Alte seufzte wie nach einer schweren Anstrengung. Dann blickte er erleichtert, ich hätte fast gesagt vergnügt um sich. Er